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Körperwelten in Wachs

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18. Juli 2018 von Marzellus

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Museo La Specola Florenz (Bildnachweis)

Die besonderen plastischen Eigenschaften von Bienenwachs, seine Fähigkeit, Pigmente aufzunehmen und sich mit anderen Materialien wie Haaren oder Horn problemlos zu verbinden, wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts für die Herstellung medizinischer Lehrmittel genutzt.

Im Jahr 2007 machte die Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin der Hautklinik Göttingen mit einer bundesweit beachteten Ausstellung von sich reden. Unter dem Titel „Wachs-Bild-Körper“ wurden sogenannte Moulagen gezeigt. Das sind in Größe, Form und Farbe detailgetreue Wachsabformungen krankhaft veränderter Körperregionen und Hautpartien.

Studenten der medizinischen Fakultäten studierten noch bis in die 50er Jahre die menschliche Anatomie und die physisch sichtbaren Krankheitssymptome an Ceroplastiken. Vor allem in der im 20ten Jahrhundert aufstrebenden Dermatologie und der Venerologie (Lehre von den Geschlechtskrankheiten) spielten Modelle aus Wachs eine wichtige Rolle in der medizinischen Ausbildung. Mit dem wertvollen Rohstoff aus dem Bienenstock modellierten Kunsthandwerker dreidimensionale Anschauungsobjekte, die Symptome von Syphillis oder von Hauterkrankungen realistisch abbildeten.

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Moulage eines Kontaktekzems

Die medizinisch-didaktischen Körperwelten aus Wachs waren die Vorläufer der Plastinate des Doktor Gruber, der in einem aufwändigen Verfahren die Körperflüssigkeit von Leichen mit einem Kunsstoff austauscht. Doch während hier der Sezierer und Chemiker gefragt ist, war bei den Moulagen künstlerisches und handwerkliches Können wichtig. Und in ähnlicher Weise wie die Gruberschen Plastinate waren die Wachsobjekte Gegenstand von heftigen Kontroversen, vor allem weil sie zum Teil auf Jahrmärkten und in Panoptiken zur Schau gestellt wurden.

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Rembrandt – Die Anatomiestunde des Doktor Tulp 1632

Die Blütezeit der Anatomia plastica liegt im 18. Jahrhundert in den norditalienischen Städten Bologna und Florenz. Ein starkes Interesse an anatomischer Forschung verbunden mit aufklärerischer Wissensvermittlung für eine erweiterte Öffentlichkeit führte zur Perfektion der Ceroplastiken. Die säkulare Kunst begann, die alte Technik der Wachsbildnerei zu verfeinern. Anatomisch interessierte Renaissancekünstler und Forscher fixierten die Ergebnisse ihrer Sektionsstudien nicht nur in Zeichnungen sondern auch in Wachs. Der Schritt zum anatomischen dreidimensionalen Dokumentations- und Lehrmedium war getan. Das Naturkundemuseum „Museo della Specola“ in Florenz, ältestes wissenschaftliches Museum in Europa, ist für seine umfangreiche Sammlung anatomischer Ceroplastiken berühmt. In zehn Räumen sind anatomische Wachsmodelle aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausgestellt.

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Gesichtsmoulge für das US Manöver Saber Crown (2008)

Vor allem die medizinische Farbfotografie hat heute die Moulagen aus Bienenwachs in der medizinischen Lehre verdrängt. Doch die alte Wachstechnik findet in der Maskenbildnerei eine Fortsetzung. Vor allem im Film und beim Theater wird neben dermatologisch bedenklichen paraffinhaltigen Produkten bis heute eingefärbtes Bienenwachs eingesetzt, um Schnitt- und Schusswunden oder Hautabschürfungen täuschend echt zu simulieren.

In einer Wikicommons Galerie kann man sich einige der Modelle ansehen. 

Der Katalog der Göttinger Ausstellung kann hier online abgerufen werden 

Homepage des Plastinariums des Dr. Gruber

 

2 Kommentare zu “Körperwelten in Wachs

  1. Ron sagt:

    Danke !

    Goethe wollte damals – nachdem er La Specola in Florenz besucht hatte – solche Waschsmodelle in Deutschland einführen und beschrieb deren Herstellung und Vorteile in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“: »Geben Sie zu, daß der größte Teil von Ärzten und Wundärzten nur einen allgemeinen Eindruck des zergliederten menschlichen Körpers in Gedanken behält und damit auszukommen glaubt, so werden gewiß solche Modelle hinreichen, die in seinem Geiste nach und nach erlöschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das Nötige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei an, so werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst nachbilden lassen. Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und Grabstichel.«

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