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Aufreger des Monats -Qualitätsjournalismus sieht anders aus

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27. Dezember 2016 von Marzellus

Anfang Dezember strahlte der NDR die Dokumentation aus: „Unser Honig: Geliebt und gefährdet“. Schon der Filmtitel fordert zur Kritik heraus. Während er den Importhonig unkritisch als „guten“ Honig darstellt, gewonnen in einer natürlichen Umgebung, sauber, fair gehandelt, als Beitrag für eine gerechtere Welt, weil auch die mexikanischen Bauern ordentlich bezahlt werden, geht der Film mit dem in Deutschland gewonnen Honig kritischer ins Gericht. Chemische Keule gegen Varroa, und vor allem belastet durch das Gift des Jakobskreuzkrauts, das sogar auf Renaturierungsflächen üppig wuchert. Fast 10 Minuten widmet die Dokumentation diesem Thema und zeichnet ein völlig undifferenziertes Bild von den Problemen der Imkerei in Deutschland.

Noch schlimmer aber ist, wie ein Online-Artikel von WeltN24 den NDR-Film kolportiert. Aus dem Kontext gerissenen und unseriöse Pauschalisierungen zielen unter die Gürtellinie der deutschen Imkerei. „Ob der Honig von hier nach Leichen schmeckt?“ (ist das noch Ironie oder schon Infamie?) „Wer weiß das schon?“, sagt der lächelnde Stadtimker. Jakobskreuzkraut, dessen Giftstoffe im Imkerhonig nachweisbar seien, machen selbst „Ökohonig“ zum gefahrlichen Gesundheitsrisiko („krebserregend, gesundheitsschädlich“). Und, so suggeriert der Artikel dem naiven Leser, das gefährliche Giftkraut gehörte zu den „Lieblingsblumen“ der heimischen Bienen. Und dann „gibt es ja keine Grenzwerte“ für Giftstoffe im Honig. Beim Imkerhonig des Hobbyimkers sowieso nicht, denn der spart sich ja lieber die 500 Euro für die chemische Analyse.

Klare Botschaft an den Verbraucher: Finger weg von kontaminiertem Imkerhonig! Dann doch lieber den Einheitsgeschmackshonig von Langnese (Sponsor? Auftraggeber? geschicktes Produktplacement) aus Mexiko. „Honig aus mehr als 70 Ländern ergeben zusammengemischt den immer gleichen Geschmack den der Kunde wünscht.“ (Wer ist hier gemeint? Der Langnesekunde, oder soll bewusst der Verbraucher manipuliert werden?) – „Im betriebseigenen Labor werde jedes einzelne Fass untersucht. Finden sich unerwünschte Stoffe, schicke man es zurück zum Hersteller“ – Toll! Das ist ja mal eine beruhigende Botschaft an den Verbraucher, freiwillige Selbstkontrolle der Industrie!!!??? Das hat ja immer schon geklappt, zuletzt beim Abgasbeschiss der deutschen Automobilhersteller.

Dabei hätte man ja eigentlich mal auf die seit 50 Jahren ähnlich klingenden Bewertungen des Industriehonigs in den einschlägigen Verbrauchermagazinen verweisen sollen. Auch in diesem Jahr werden nur 6 von 20 „Produkten“ der großen Honigmarken von der Zeitschrift Ökotest empfohlen. Die wichtigsten Kritikpunkte der Tester: Es fanden sich Rückstände von unerlaubten Arzneimitteln und Herbiziden sowie Genpollen in den Proben.

Was selbst die Honigtests nicht verraten: Wie kommen diese Massenprodukte in ihre „flinken Flaschen“ und was streicht sich der Billighonigkäufer eigentlich auf sein Frühstücksbrötchen? Wen es interessiert, den verweise ich auf einen Beitrag in meinem Bienenblog:

Ein komplexes Thema auf den kürzest möglichen Nenner gebracht: Die Lösung der Industrie heißt „Honigreinigung“. Angesichts dessen, was die großen Honigverarbeiter alles aus dem importierten Honig aus Eu und Nicht EU-Ländern erst mal herausfiltern, kann einem wirklich schlecht werden. Mir stellt sich jedenfalls die Frage: Warum zapfen wir eigentlich nicht gleich auch unser Trinkwasser direkt aus dem Überlauf der nächsten Kläranlage?

Noch ein Wort zum Abspann des WeltN24-Artikels: „Zurück im Bienenstock „übergibt“ sie den anderen Bienen den Honig, im Wortsinn. Der Mensch aber muss sich entscheiden, ob ihm die Lust am Honig-Genuss nach dieser Dokumentation noch bleibt oder ob es ihm beim Gedanken an das doch so leckere Frühstücksbrötchen so geht wie der vom Nektarflug zurückgekehrten Biene.“ heißt es dort.

Auch der Leser muss sich entscheiden, ob ihm nach Lektüre dieses Beitrags die Lust auf Artikel von WeltN24 noch bleibt, oder ob es ihm so geht wie der vom Nektarflug zurückgekehrten Biene.

NDR Dokumentation: Unser Honig: Geliebt und gefährdet

Auf www.welt.de: Der deutsche Honig ist kein Zuckerschlecken

Informationsbroschüre zum Jakobskreuzkraut

 

Ein Kommentar zu “Aufreger des Monats -Qualitätsjournalismus sieht anders aus

  1. Und was sagt der DIB dazu?

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