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„Quarks“ oder Quark?

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30. Mai 2019 von Marzellus

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Verschärft die Hobbyimkerei tatsächlich das Insektensterben? „Quarks“ oder Quark?

Wenn Thor zornig ist, dann gewittert es, die schlechte Laune von Poseidon kann man am sturmgepeitschten Meer erkennen und Frau Holle sorgt dafür, dass es schneit, wenn sie ihre Kopfkissen ausschüttelt.

Solche überlieferten „Narrative“ haben heute ihre Gültigkeit verloren. An ihre Stelle sind moderne Welterklärungsmuster getreten. Wir glauben sie, wenn sie im Namen der Wissenschaft verkündet werden. Bei genauem Hinsehen entpuppen sie sich leider oft als nicht weniger falsch als die Mythen von gestern.

Ein solches problematisches Narrativ entwickelt sich zur Zeit in Bezug auf unsere Honigbienen. Es lässt sich in zwei Sätze fassen: Satz 1: Honigbienen sind starke Konkurrenten für kleine Wildbienen im Kampf um das rare Blütenangebot. Satz 2 bietet dann die Begründung: Denn Honigbienen sind Zuchttiere, optimiert für die Honig-Massenproduktion. Hier kämpft der kleine Wildbienen-David gegen den Goliath Honigbiene. Im Video der Quarksredaktion kickt die „hochgezüchtete“ böse Honigbiene die „kleine“ liebe Wildbiene einfach vom Acker.

Das geht doch nicht, da empört sich jedes Kindergärtnerinnenherz über das unartige Verhalten und die Honigbiene darf nicht mehr mitspielen. Infantile Erklärvideos für infantile Facebookfollower von einer der bekanntesten Wissenschaftsredaktionen im öffentlich-rechtlichen Medienspektrum?! – unfassbar. Und jeder diskutiert mit, auch wenn man keine Ahnung hat. Das wäre weiter nicht schlimm, müsste man nicht feststellen, dass die von Quarks inszenierten Behauptungen sich sowohl in der WDR-Redaktion als auch auf Seiten selbsternannter Wildbienenfachmänner und -frauen so verfestigt haben, dass blütenökologisches Grundwissen keine Chance hat. Ideologisch glaubensfeste Menschen wollen gewöhnlich nicht lernen, sondern recht behalten.

Weil das so ist, trage ich hier zusammen, was man Grundsätzliches gegen eine solche vermutete Nahrungskonkurrenz einwenden muss.

In der Natur gibt es unter normalen Umständen keine plausible direkte Nahrungskonkurrenz zwischen Honigbienen und anderen Bestäubungsinsekten. Hier gilt das Prinzip der Konkurrenzvermeidung.

Bienen sammeln Nektar, Pollen und Propolis. Mit letzterem machen sie ihren Stock keimfrei. Die Baumharze dienen nicht der Ernährung der Bienen.

Das Sammeln von Nektar:

Beginnen wir mit der grundsätzlichen Feststellung, dass Honigbienen mit ihrer Blütenstetigkeit ein völlig anderes Sammelverhalten an den Tag legen als andere  Bestäubungs-Insekten. Das ist uraltes Naturwissen, das zum ersten mal vor 2500 Jahren von dem Vater der europäischen Wissenschaft, Aristoteles, schriftlich festgehalten wurde. Die Sammeleffiziens der Honigbiene hat ihren evolutionären Sinn in ihrer Überwinterungsstrategie. Eine hochaktive Wintertraube mit der ein Bienenvolk ihre Königin bei knapp über 20° Celsius über die kalte Jahreszeit bringt,  macht es notwendig, dass die Insekten massenhaft Nektar eintragen und als Honig in ihren Waben einlagern. Den brauchen sie als „Brennstoff“ für den Winter. Deshalb ist es im höchsten Maße typisch für diese Spezies, dass sie sich vor allem den sogenannten Massentrachten widmet. Und das ist keineswegs so, weil die Biene ein auf Effizienz getrimmtes Zuchttier ist, wie „Quarks“ behauptet.

Richtig ist: Das spezifische Sammelverhalten der Honigbiene ist ein Ergebnis von 50 Millionen Jahren Evolution. Neuere Forschungen belegen [1], dass Honigbienen zum ureuropäischen Arteninventar gehören und sich von Europa aus über den Globus verteilt haben. Seit Millionen von Jahren ermöglichen Honigbienen als ökologische Schlüsselorganismen die Bestäubung der im Jahreslauf sich entwickelnden Blütenfülle. Diese Rolle, nämlich die massenhafte Bestäubung von Abertausenden „tierblütiger“ Pflanzen erfüllen Honigbienen heute nach wie vor. Und das geschieht unabhängig davon, ob sie als Wildinsekten nur noch selten und in abgelegenen, varroafreien und ökologisch intakten Enklaven zu finden sind, oder ob sie von Imkern betreut werden. (Unter Tierblütigkeit, oder Zoogamie bzw. Zoophilie versteht man in der Biologie die Bestäubung von Pflanzen durch Tiere).

Zurück zur Vorratshaltung von Bestäubungsinsekten: Neben den Honigbienen betreiben Hummeln ebenfalls eine im Vergleich zur Honigbienen bescheidene Vorratshaltung von Nektar. Ihre Honigtöpfe reichen allerdings nur aus, um längere Kälte- oder Regenphasen während der Vegetationszeit zu überbrücken. Bei den Hummelarten überwintern nur die im Herbst begatteten Jungköniginnen. Im zeitigen Frühjahr gehen die Königinnen auf die Suche nach einem Nistplatz, an dem sie ein neues Hummelvolk gründen können. Bei der Honigbiene ist das grundsätzlich anders. Eine stattliche Zahl von Arbeiterinnen überleben den Winter, weil sie die Königin, die sich im Innern der Wintertraube befindet, warm halten. Das Brutgeschäft beginnt bereits im Januar und wenn die ersten Trachten an Pollen- und Nektarspendern zu blühen beginnen, nehmen bereits große Mengen an Sammelbienen ihre Arbeit auf.

Was das Nahrungsspektrum der Hummeln betrifft, bedienen sich Hummeln grundsätzlich schon mal an ganz anderen Pflanzen als die Honigbienen. Nur sie haben beispielsweise die körperliche Kraft den Bestäubungsmechanismus des Besenginsters auszulösen um dessen reichlich angebotenen Pollen zu ernten. Und nur Hummeln und Schmetterlingen ist aufgrund ihrer deutlich längeren Saugrüssel der Zugang zu einer großen Gruppe von Blühpflanzen möglich, die aus dem Sammelspektrum der Honigbienen herausfallen.

Ein Beispiel:  Tomaten  sind abhängig von der Vibrationsbestäubung (Buzz-Pollination). Diese Form der Pflanzenbefructung beherrschen in unseren Breiten nur die Hummeln. Ihr vibrierender Flügelschlag beim Beflug der „Paradeiserblüten“ (österr. für Tomate) bringt die Pollensäcke der beliebten Gemüsepflanzen zur Entleerung. Bevor Hummeln zum Bestäubungseinsatz in Gewächshäusern kamen, geschah die Bestäubung von Hand. Trillern nennen die Tomatenbauern die der Hummelbestäubung nachgeahmte Betäubungstechnik. Hierbei wird der schwingende Kopf einer elektrischen Zahnbürste  knapp oberhalb der Tomatenblüte angesetzt. Die Vibration sorgt dafür, dass sich viele Pollen aus den Pollensäcken lösen und auf die Narben fallen. Außerhalb der Gewächshäuser können die Pflanzen auch vom Wind bestäubt werden. Dass Tomaten zur billigen Massenware geworden sind verdanken wir den Zuchthummeln, die diese kostenintensive Handarbeit übernommen haben.

( Ganz am Rande gefragt: Sind die in den Gewächshäusern „arbeitenden“ Dunklen Erdhummeln noch Wildtiere? Bei den Honigbienen machen die Quarksredakteure ja auch die „kommerzielle Nutzung“ zum entscheidenden Definitionsmerkmal von Wildtier und Nutztier).

Aber es gibt neben dem reinen Sammelverhalten noch einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Honigbienen und Hummeln zu den restlichen Bienenarten.

Solitärbienen, „Quarks“ nennt sie grob vereinfachend „die kleinen Wildbienen“, betreiben keine Vorratshaltung in Bezug auf Nektar. Sie benötigen gerade so viel von dem süßen Pflanzensaft, wie sie als Eigenbedarf an „Flugbenzin“ brauchen. Ihr Sammelinteresse konzentriert sich ganz wesentlich auf Pollennahrung für den Nachwuchs. Neben Kohlenhydraten ist die männlichen Samen der Pflanzen reich an Fetten und Eiweißen, die die Insekten zum Körperaufbau benötigen.

Auch die Honigbiene sammelt natürlich zusätzlich zum Nektar Pflanzenpollen. Aber im Unterschied zum Nektar, den sie zum Honig eindickt, um ihn haltbar zu machen, legt sie nur relativ kleine Pollendepots an. Damit kann sie dann die kontinuierliche Produktion von Bienenbrut über eine eventuelle Kälte- und Regenperiode während der Vegetationsphase überbrücken.

Gerade im Frühjahr, wo die Bruttätigkeit der Honigbienen auf Hochtouren läuft, sind es Weide und Hasel, die ein Überangebot an Pollen produzieren. Deshalb sind diese Pflanzen auch so enorm wichtig für die Imkerei. Auch hier sammelt die Honigbiene dort, wo es ein Überangebot gibt und hält sich gar nicht erst mit Läpperangeboten auf. Massenspender in Bezug auf Pollen sind auch Raps oder die Maiskulturen, die sich bei der Verbreitung ihrer männlichen Samen auf den Wind verlassen. Maispollen gelten zwar für die Honibienen als nicht sehr attraktiv. Es gibt aber Studien, die bis zu 25 Prozent Anteil Maispollen gefunden haben.

Warum sollten also die Honigbienen den armen kleinen Wildbienen in den Naturschutzgebieten das Pollenangebot streitig machen, wenn sie in Agrarlandschaften zumindest in Bezug auf das Pollenangebot zu Rande kommen?
Aber auch außerhalb der landwirtschaftlichen Kulturen gibt es Massenspender für die Aufbaunahrung der Bienen. Wildkräuter wie Beifuß und Wegerich bieten massenhaft Pollen, zumindest die Pollenallergiker verstehen das aus leidvoller Erfahrung. Rainfarn, Johanniskraut, Goldrute, Weißklee, Disteln, … liefern mehr Pollen als die Wildbienen für ihr Brutgeschäft wegtragen können.

Noch einmal: Das Hauptsammelinteresse der Honigbienen gilt dem Nektar, weil sie ohne den Energiespender Honig mit einem Zuckergehalt von deutlich über 80% die kalte Jahreszeit nicht überleben würden.

Der Bedarf und das Interessse an Nektar ist dagegen bei Wildbienen und Schmetterlingen nur marginal. Je nach Art mischen die Wildbienen dem Pollen kleinere Mengen Nektar zu. Oft dient er, wie auch bei den Pollenhöschen der Honigbienen, lediglich als eine Art Kitt, mit dem die Pollen für den Flugtransport zusammengeklebt werden. Viele Wildbienen, wie z.B. die Rote Mauerbiene (Osmia bicornis) legen sogar nur trockene Pollenvorräte an. Manche Pelzbienen (Anthophora) bedecken den Pollen mit einer dünnen Schicht Nektar. Ob das jetzt als eine Art „Energydrink“ für die erst im Folgejahr schlüpfenden Larven ist, oder ob es zur Konservierung des Pollenpakets dient, weiß man gar nicht so genau.

Während die Honigbiene vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst sammelt, ist die überwiegende Zahl der Wildbienen nur in bestimmen Wochen und Monaten, oft sogar nur für einige Tage unterwegs. „Mit Ausnahme der eusozialen Arten erscheinen alle Wildbienen zu ganz bestimmten Jahreszeiten. Wir bekommen diese Arten daher nur wenige Wochen im Jahr zu Gesicht.“ schreibt Wildbienenpapst Paul Westrich auf seiner Homepage. [2]. Das Sammelinteresse dieser Solitärbienen gilt den Blütenpollen. Pollen ist der essentielle Bestandteil der Larvennahrung von Wildbienen. Das Erscheinen einer Vielzahl von Wildbienenarten ist synchronisiert mit der Blühphase ganz spezieller Pflanzen.

Die Wissenschaft hat für das Sammelverhalten von Bienen die Begriffe »monolektisch«, »oligolektisch« und »polylektisch« geschaffen. Fangen wir mit dem letzten an. Als Blütengeneralisten sind viele Hummelarten und die Honigbienen „polylektisch“. Das heißt, sie sammeln an einer Vielzahl von Blühpflanzen. Die meisten Wildbienenarten dagegen sind „oligolektisch“, was bedeutet, dass sie nur auf wenige Pflanzenfamilien fixiert sind. Wildbienen wie die Efeu-Seidenbiene, die Zaunrüben-Sandbiene oder die Platterbsen-Mörtelbiene verraten schon in ihrem Namen, dass sie nur an einer Pflanzenart sammeln, also monolektisch sind.

Wäre das anders, also gäbe es einen echten Kampf ums Futter, dann würde man beispielsweise in einem blühenden Kirschbaum einen Krieg der Bestäuber erwarten. Stattdessen erlebt man bei genauerer Beobachtung ein friedliches Nebeneinander von Honigbienen, Hummeln, Wildbienen und Schwebfliegen.

Und wenn man dann noch die Perspektive wechselt und das Bestäubungsthema aus der Sicht einer Pflanze sieht, muss man nüchtern betrachtet feststellen: Ohne Honigbienen, ob nun in der Obhut der Imker lebend oder wildlebend, bliebe die Mehrzahl der Blühpflanzen in der Natur und auf vielen landwirtschaftlichen Kulturen unbefruchtet, mit verheerenden Folgen für Insekten, Vögel, Lurche oder Kleinsäuger.

Wenn man nach Wettbewerb und Konkurrenz im komplexen Zusammenspiel zwischen Bestäubern und Pflanzen suchen möchte, dann fände man das schon eher bei den  Pflanzen. Die Evolution hat aber auch hier faszinierende Strategien der Konkurrenzvermeidung entwickelt, damit zoophile Pflanzen auch sicher bestäubt werden.

Es gibt zoophile Blütenpflanzen, die wählen „Ausschlussstrategien“ . Sie lassen nur ganz bestimmte Insekten an ihre Limonadenbar und Pollensnacks, etwa durch die Ausnutzung anatomischer Unterschiede bei den Bestäubern wie die weiter oben angesprochene Rüssellänge oder die physischeKraft des Bestäubers. Rotklee gibt den Honigbienen keine Chance an den Nektar zu kommen, weil ihre Röhrenblüten zu lang für ihren Saugrüssel sind. Sein Nektar befindet sich am Grund einer 9 bis 10 mm langen Röhre; die Honigbiene (Rüssellänge 6 bis 6,5 mm) kann am Rotklee nur Pollen sammeln. Die Erdhummel Bombus terrestris L. (Rüssellänge 7 bis 9 mm) begeht Nektarraub am Rotklee indem sie Löcher in die Kronröhre der Kleeblüte beißt, die dann auch von Honigbienen genutzt werden.

Aber es gibt nicht nur die anatomischen Bedingungen der Bestäuber, die als Faktoren betrachtet werden müssen, wenn man sich mit der Frage der behaupteten Nahrungskonkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen beschäftigt. Der Gemeine Gilbweiderich lockt seine Bestäuber statt mit Nektar mit Öl. Honigbienen zeigen an solchen Pflanzen keinerlei Interesse.  An die Pflanze angepasst sind Schenkelbienen (Macropis labiata), von denen es 16 verschiedene Arten gibt die in ihrem Vorkommen offensichtlich an die Verbreitung des Gewöhnlichen Gilbweiderichs gebunden ist. Das von den Schenkelbienen-Weibchen gesammelte Öl wird zusammen mit dem Pollen des Gilbweiderichs als Teil der Brutnahrung eingelagert und zum Auskleiden der Brutzelle gesammelt. „Wo gibt es da eine Nahrungskonkurrenz?“, frage ich mich.

Andere zoophile Pflanzen blühen ausschließlich an bestimmten Tageszeiten und laden Insekten mit Formen, Farben und Gerüchen zur Happy Hour ein. Pflanzen haben sich oft auf ganz enge Zeitfenster im Tagesverlauf spezialisiert, in denen sie mit betörenden Düften, reichlich Limonade (Nektar ist nichts wesentlich anderes) und auffälligen Blüten um die Gunst der Insekten buhlen, um nur ja nicht unbestäubt zu bleiben. In der Biologie nennt man eine solche Strategie, mit der man die Bestäubungschancen erhöht, „temporäre Spezialisierung“.

Ein paar Beispiele: In den Sommermonaten beginnt der Wettbewerb um die Bestäuber bereits am frühen Morgen mit den Wildrosen. Sie machen ihre Nektar- und Pollentheken bereits um 04.00 – 05.00 Uhr in der Frühe zugänglich. Die Wegwarte öffnet ihren Kiosk um 7.00 Uhr morgens und schließt ihn am frühen Nachmittag. Jelängerjelieber (Waldgeißblatt )bietet Nektar und Pollen erst ab ca. 18.00 Uhr. Nachtblüher wie die Nachtkerze oder das gewöhnliche Seifenkraut sind die „Nightclubs“ unter den zoophilen Insektenpflanzen, die zwischen 20.00 Uhr am Abend bis 06.00 Uhr in der Frühe ihre Bars geöffnet haben, für Nachtschwärmer natürlich.

Unter Botanikern ist das übrigens ein alter Hut. Schon 1745 hat Charles von Linné aufgrund dieser Beobachtung seine „Blumenuhr“ beschrieben, „damit man, wenn man auch bei trüben Wetter auf freiem Felde sich befindet, ebenso genau wissen könne, was die Glocke sei, als wenn man eine Uhr bei sich hätte.“

Das gleiche gilt für die Abfolge der Blühzeiten von „tierblütigen“ Pflanzen im Jahresverlauf. Wir Imker würden das ein „Trachtband“ nennen. Hierzulande beginnt die Bestäubungssaison bei den einheimischen Pflanzen mit dem Huflattich im Februar und endet mit der Efeublüte im Oktober.  Die Natur hält unter normalen Bedingungen diese Blütenkontinuität vor. Doch die moderne Landwirtschaft aber auch die kommunale und die private Bewirtschaftung von Grünflächen nimmt auf diesen „Staffellauf“ der Pflanzen keinerlei Rücksicht.

Es sind also die menschlichen Eingriffe in die natürlichen Blühabfolgen, die uns Sorgen machen müssen, wenn es um Artenschutz geht.

In Agrarlandschaften kommt nach einer üppigen Rapstracht oft nichts mehr, was Nahrung und Energie für Honigbienen oder auch für andere Bestäubungsinsekten liefern könnte; in Stadtlandschaften sorgen Robinien und Linden als zoogame Blütenbäume im Frühsommer für Massentrachten, aber das war’s dann oftmals. Wenn dann wegen eines verregneten Sommers auch noch die Honigtauproduktion (i.e. die Ausscheidungen von Blattläusen) ausbleiben, dann kann natürlich das passieren, was die Redakteure von „Quarks“ und andere als Nahrungskonkurrenz behaupten. Aber pauschal zu dem Schluss zu kommen: „Je mehr Honigbienenvölker es gibt, desto weniger Wildbienen überleben“, ist wissenschaftlich unseriös und so manipulativ wie die Schlagzeilen der Bildzeitung.

Wenn Honigbienen sich mangels anderem Trachtangebot für die von Imkern als „Läppertracht“ benannten Blühpflanzen interessieren, dann herrscht in der Natur insgesamt blanke Not. Aber daran sind doch nicht der Imker und seine Honigbienen schuld.

Mein Fazit:

Wer platte Thesen vertritt wie: Die Honigbienen fressen den Wildbienen das Futter weg, hat schlicht und ergreifend keine Ahnung von den komplexen Netzwerken der Natur. In einigermaßen intakten Naturräumen ist der Tisch reichlich gedeckt für alle . Hier gilt vor allem das Prinzip der Konkurrenzvermeidung und nicht die in die Natur hineininterpretierte Idee eines gnadenlosen Wettbewerbs um verfügbare Nahrungsquellen. Wie bereits gesagt: Das ist eine typisch menschliche Sicht auf die Regelkreise der Natur.

Der Imkerschaft eine Mitverantwortung für den Artenrückgang zu unterstellen heißt die wahren Ursachen für die Misere unzulässig zu relativieren. Diese sind seit über 100 Jahren bekannt und es waren an erster Stelle die Imker, die schon in Frühstadium der Industrialisierung der Landwirtschaft Alarm schlugen.

Zwei Zitate, die das belegen:

„Zu früheren Zeiten mag es wohl trotz des fehlenden Kleebaues und Nichtanbaues mancher honigliefernden Handelsgewächse doch wohl besser als in der Gegenwart um die Biencnweide bestellt gewesen sein , wenigstens erzählen ältere Leute von den überaus reichen Honigernten ihrer Eltern und Großeltern . Man wird dies darauf zurückführen müssen , daß ehedem große Flächen Landes noch wüst und unbebaut gelegen und auf diesen eine Menge der ergiebigsten Bienenkräuter vorgekommen sein mögen; auch das damalige lässige Betreiben der Forstwirtschaft mag der Bienenweide günstig gewesen sein , indem so auf großen Waldblößen viele der genannten Gewächse zur reichlichen Vermehrung und Entwickelung zu gelangen vermochten.“ heißt es in einem Buch über die Bienenweide aus dem Jahr 1887 [3]

“ Im großen und ganzen muss man sich leider mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Trachtverhältnisse sich langsam verschlechtern. […]. Kornblumen und Hedrich haben abgewirtschaftet, damit sind zwei sichere Honigquellen verschwunden. Die Brachwirtschaft ist durch künstlichen Dünger überflüssig geworden geworden und verschwunden, und mit ihr das Heer von Kräutern, auf denen sich Bienen tummelten. “ [4] schrieb 1913 der Bienenvater Johannes Aich über das Thema Bienenweide.

Die Autoren von damals waren nicht die ersten und ich werde gewiss nicht der letzte Imker sein, der darauf verweist, dass die Probleme der Imker schon seit langem existieren. Und die Anliegen der Imkerschaft sind heute wie damals identisch mit den Problemen der Naturschützer.

Wir brauchen vernünftigerweise in unserer Bewirtschaftung von Natur mehr praktische Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen der Botanik und der Blütenökologie, etwa durch Pflanz- und Pflegemaßnahmen, die sich an den Zyklen der Natur orientieren. Was wir auf keinen Fall brauchen ist eine Debatte über „Gute Bienen, böse Bienen“.

Gezielte Desinformation zugunsten höherer Klickquoten auf Facebook ist unerträglich.

Naive und vorwissenschaftliche Erklärungsmuster wie das zur Nahrungskonkurrenz zwischen Honigbienen und ihren wilden Verwandten ignorieren die hochkomplexen symbiotischen Zusammenhänge zwischen Flora und Fauna, die wir in der verbliebenen Restnatur vorfinden. Sie erscheinen deshalb plausibel, weil wir nicht wahrnehmen, wie wir unsere neoliberalen Vorstellungen von Konkurrenz und Wettbewerb in menschlichen Wirtschaftsbeziehungen auf die Natur übertragen.

Bildnachweise: Screenshots des Erklärvideos auf der Facebookseite von WDR Quarks

[1] https://www.uni-hamburg.de/newsletter/juli-2013/ur-biene-war-europaeerin-studie-zur-evolution-der-honigbiene.html

[2] https://www.wildbienen.info/biologie/lebenszyklen.php

[3] Huck, Friedrich: „Unsere Honig- und Bienenpflanzen, deren Nutzen, Kulturbeschreibung u.s.w.“ Oranienburg, 1887

[4] Aisch, Johannes. Bienenbuch für Anfänger: mit 50 Abbildungen (German Edition) (S.100). neobooks. Kindle-Version.

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