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Waldsterben 2.0

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25. November 2018 von Marzellus

Apokalyptische Landschaften mit grauen Baumskeletten und ohne sichtbares Leben, das war die Horrorvision in den Achtzigern. Doch so sieht Waldsterben anno 2018 nicht aus. Totkranke Bäume werden wegen des zu erwartenden Schädlingsbefall so schnell wie möglich gefällt und einer Verwertung zugeführt. Sie fehlen als wichtige Pflanzen, die das Treibhausgas CO2 abbauen und zu Sauerstoff umwandeln.

Der „Saure Regen“ von damals,  der wegen hoher Schwefellasten die Bäume verätzte und die Böden schädigte, ist zumindest in Deutschland Geschichte. Schwefelverunreinigungen durch die Verbrennung von schwefelhaltigen fossilen Brennstoffen waren ursächlich für den Sauren Regen. Parteiübergreifend forderte die Gesellschaft damals bessere Filtertechnik, die Einführung des Fahrzeugkatalysators und eine Abgasgesetzgebung, die mit Grenzwertregelungen und Ausgleichsmaßnahmen versuchte, das Problem der Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen.

2003 erklärte uns die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast in Übereinstimmung mit unseren europäischen Nachbarn das „Waldsterben“ für beendet. Der Trend zu einer negativen Entwicklung sei gestoppt. 

Die aktuellen Waldschadensberichte der Bundesländer sprechen eine andere Sprache. Noch nie stand es schlechter um unseren Wald als heute. 1984 hieß es: Gut ein Drittel des Waldes ist geschädigt. Heute liegt der Anteil geschädigter Bäume bei deutlich über 70%. Die Situation in Rheinland-Pfalz, wo 83% der Bäume Schäden zeigen, ist repräsentativ für den miserabelsten Gesundheitszustand der Wälder seit Beginn der jährlichen Waldzustandserfassung. 

Luftreinhaltepolitik ist nur eine Säule des Klimaschutzes. Wiederaufforstungen im großen Stil und zwar weltweit wären eigentlich wichtige und gebotene Maßnahmen  im Sinne einer nachhaltigen Lösung für ein globales Problem. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur in Entwicklungsländern weit weg ist die unverantwortliche Ausbeutung der Wälder ein Thema mit globalen und verheerenden Folgen. Europa hat hierfür eine Mitverantwortung, ist es doch wirtschaftlicher Mitnutznießer der weltweiten Waldvernichtung. In den letzten 17 Jahren fielen in der EU 12Millionen Hektar bewaldete Fläche Rodungen, Bränden und Durchforstungen zum Opfer ohne dass sie im gleichen Umfang wieder aufgeforstet wurden.

Screenshot Global Forest Watch: Waldsituation Europa

Auch Deutschland ist auf keinem guten Weg: Statt dass wir mehr Wald aufforsten, verlieren wir dramatisch an Waldfläche. Hierzulande haben wir keinen Grund mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die in Goldgräbermanier Regenwald vernichten um nach Rohstoffen zu schürfen oder dort, wo noch vor Kurzem Urwald stand, Sojafelder anlegen für billiges Schweinefutter.

593kha (Kilohektar), das sind 5.930km² Waldfläche, haben wir in Deutschland seit 2001 verloren. Damit man sich das vorstellen kann: das ist eine Fläche, 2,3 mal so groß wie das Saarland. Für Fußballfans: 830.532 Fußballfelder.

Screenshot Global Forest Watch Deutschland

Dabei bräuchten wir dringender als je zuvor in der Menschheitsgeschichte vitale und vor allem mehr Wälder, die die Kohlendioxidbelastung der Luft abbauen. Neben konsequenter Durchsetzung von nationalen und internationalen Klimazielen kann mehr Wald auch mehr schädliches CO2 in organisch gebundenen Kohlenstoff umwandeln. Die in den letzten Jahrzehnten verloren gegangenen Wälder haben die Photosyntheseaktivität der Erde bedrohlich herabgesetzt. Ein  Waldsterben 2.0 wird die Dynamik der Klimakatastrophe beschleunigen.

Aufforstung ist ein Gebot der Vernunft. Stattdessen lassen wir uns von technischen Lösungen faszinieren wie dem Carbon Engineering. Hierbei sollen industriell arbeitende Anlagen überschüssiges CO2 aus der Luft filtern und mit enormen Aufwand an Energie in Brennstoffe umwandeln. Ich halte solche industrielle Herz-Lungenmaschienen für unseren kranken Planeten für vergleichbar absurd wie den Versuch, mit Roboterbienen Apfelbäume zu bestäuben um den Verlust von Insekten als Bestäuber zu kompensieren.  Denn was utopische Industrieanlagen leisten sollen, kann ein vitaler Wald schon lange. Die etwa eine Million Blätter einer einzigen 100-jährigen Buche produzieren in ihren Chlorophyllmolekülen 1,7 Kilogramm Sauerstoff in der Stunde. Das ist so viel, wie 50 Menschen benötigen, um eine Stunde zu atmen. An einem Tag entzieht der Baum der Atmosphäre 19 Kilo Kohlendioxid.

Forstleute gehen davon aus, dass ein Hektar Wald pro Jahr über alle Altersklassen hinweg ca. 13 Tonnen CO2 speichert. Die Waldverluste der letzten 17 Jahre zusammen genommen könnten also pro Jahr ca. 7,7 Millionen Tonnen CO2 der Luft entziehen.

Die Leistung des deutschen Waldes beim CO2 Abbau liegt rechnerisch bei 148 Millionen Tonnen jährlich. Bei 800 Millionen Tonnen CO2 Emissionen jedoch wäre selbst eine Verdopplung der Anbaufläche keine Kompensation für den Überschuss an Treibhausgasen.

Deshalb verzichte ich auch gerne auf mein Schweineschnitzel, einen SUV und energiezehrenden leuchtenden Weihnachtsfirlefanz an meinem Haus. Und ich kaufe an einem Black Friday auch nichts ein, schon gar nichts, was ich eigentlich nicht brauche; und ich gehe zu Fuß, wo immer ich kann; … Ich weiß: mein Beitrag wird das Klima nicht retten. Aber ich orientiere mich an der Fabel vom Kolibri, der den Wald gerettet hat. „I too will be a hummingbird – I do the best I can.“ zu Deutsch: „Ich werde wie der Kolibri sein. Ich tue das, was ich kann. Ich tue mein Bestes.“ Irgendwann muss man doch mal ein Problem angehen. Das hängt doch alles miteinander zusammen. Wir sind das, was wir tun, nicht das, wovon wir reden.

Titelbild: Abgestorbene Fichten im Erzgebirge 1998  Quelle: Wikipedia

Die Legende vom Kolibri erzählt von der Kenianischen Friedensnobelpreisträgerin Wangaari Maathai im Originaltext und deutscher Übersetzung

Waldsituation in Deutschland:
Waldsituation in Europa:
Zahlen zum weltweiten Waldverlust:

Ein Kommentar zu “Waldsterben 2.0

  1. Werner Rath sagt:

    Gut, dass hier nochmal Fakten aufgezeigt werden.
    Gut daran zu erinnern, dass jeder Einzelne bewusster leben kann. Eine Frage der täglichen Entscheidung.
    Gut, dass ich nicht der einzige Träumer bin.

    Gefällt 1 Person

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