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Von Stadtbienen und Landbienen

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9. Februar 2018 von marzellus1

stadtbienenWährend die Imkerei in den ländlichen Räumen zurückgeht, haben die Großstadtimker großen Zulauf.  In Großstädten wie Berlin ist der Bienenhype so stark, dass der D.I.B. 2016 von „Problemen“ spricht, die eine zu hohe Dichte an Bienenvölkern mit sich bringen können. „Urban Beekeeping“ ist der neue Lifestyle Trend, mit dem meist junge, ökologisch bewusste Frauen und Männer den vom Bienensterben bedrohten Nutzinsekten Asyl auf den Balkonen ihrer Mietwohnungen bieten. Erfährt die Imkerei in Deutschland eine Renaissance? 

Im vergangenen Sommer berichteten deutsche Medien über Bienenhaltung in deutschen Großstädten, und die Stories folgen einem immer gleichen Muster:  Junge/r umweltbewusste/r StadtbewohnerIn erkennt ihre/seine Verantwortung für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, in der die bedrohte Honigbiene in ihrer Funktion als Pflanzenbestäuber eine Schlüsselrolle hat. Im Bewusstsein etwas ökologisch Sinnvolles zu tun, beschließt sie/er, Imker zu werden. Das notwendige Know How kann man sich in Workshops quasi en passant erwerben. Der materielle Aufwand, der zeitliche Einsatz und der Platzbedarf für die Balkonimkerei sind niedrig, liest man. Der gesellschaftliche Respekt für den umweltschützerischen Einsatz ist dagegen hoch, und als Schmankerl fallen noch ein paar Gläser Honig ab. Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde es super, wenn Menschen, egal ob sie nun auf dem Land oder in der Stadt wohnen, sich aktiv für Umwelt und speziell auch für Bienen einsetzen. Aber es gibt da etwas, was mich an dieser Art des medialen Agenda Settings in unserer Medienkultur ärgert.

Immer begegnet man in den „Stories“ über ökologisch bewusste städtische Gutbürger dem Narrativ: „Die Städte sind der letzte Zufluchtsort für eine von einer industrialisierten Landwirtschaft übel ausgebeuteten und von Pestiziden bedrohten Flora und Fauna, denen der ländliche Raum keine Lebensräume und Überlebensmöglichkeiten mehr bietet.“ – Deshalb sind also die Bienen quasi zur Landflucht gezwungen und finden dann aber ein schönes Stadtasyl mit aufmerksamen und kompetenten BienenhausmeisterInnen. Und leider gipfelt diese Geschichte dann mitunter in pauschalen Behauptungen, der in der Stadt geimkerte Honig sei „ungiftig.. ganz im Gegensatz zu dem Honig der auf dem Land ensteht“ weil dieser Honig mit Pestiziden und Agrargiften belastet sei. Abgesehen von der unkollegialen Art, hier ein  Stadt-Land-Gefälle bezüglich einer unterstellten Giftigkeit zu behaupten, darf man sich mit Recht über soviel undifferenzierte Parolen ärgern.

Ich möchte nicht bestreiten, dass die Imkerei in den Regionen mit Intensivlandwirtschaft große Probleme mit dem Pestzideinsatz hat, und dass die Bienen außer den Massentrachten im Frühjahr in manchen Regionen sonst kein Nahrungsangebot mehr haben ist auch eine traurige Realität. Aber daraus abzuleiten, dass der gesamte ländliche Raum eine ökologische Problemzone ist, das ist dann doch zu pauschal.

Bis zum letzten Jahr habe ich in der Hocheifel in einem Umfeld geimkert, in dem es noch in den siebziger Jahren in einem Radius von 5 Kilometern 123 Landwirte gegeben hat. Heute sind es ganze 4 Vollerwerbsbetriebe, die noch extensive Weidewirtschaft und etwas Ackerbau betreiben. Die meisten ehemaligen Betriebsflächen sind Schaf-, Pferde-  und Viehweiden oder Brachland. So erschreckend der Strukturwandel im Agrarbereich auch ist, für die Imkerei war das hier von Vorteil. Konflikte zwischen Imkerei und Landwirtschaft, die wegen des Insektizid- und Pestizideinsatzes andernorts für massives Bienensterben verantwortlich gemacht wird, sind hier kein Thema. Und ländliche Regionen wie diesen Teil der Eifel gibt es viele.

Deshalb finde ich es schon etwas irritierend, wenn ein Projekte wie „Deutschland summt“ oder hier im Rheinland die „Honigkonnexion“  sich als eine reine Großstadtkampagnen präsentieren. Es mag ja das ökologische Gewissen der Stadtbevölkerung beruhigen, wenn man sich sozusagen als neues Bienenparadies präsentieren kann. Nichts gegen „blühende Städte“, aber wir bräuchten vor allem „blühende Landschaften“.

Vielleicht können Balkonimker mit ihrem Engagement einen kleinen Beitrag zur Sensibilisierung für das Thema Bienensterben liefern. Aber ein solcher Ansatz führt nicht wirklich weiter. Das Verschwinden der Honigbienen ist nur ein Indikator für eine insgesamt problematische gesellschaftliche Einstellung zum Thema Ernährung.

Dass die Erwerbslandwirtschaft ist wie sie ist, hängt mit der Erwartung zusammen, dass Nahrungsmittel vor allem eins sein sollen: Billig. Seit den 1970ern hat sich nicht nur in Deutschland eine Landwirtschaft entwickelt, die nach simplen ökonomischen Regeln funktioniert. Tiere und Nutzpflanzen werden als „Produktionseinheiten“ gesehen, die einen ökonomischen Gewinn abwerfen und sonst keine Rolle mehr spielen. Artgerechte Tierhaltung, gesunde Ernährung, nachhaltige Bodenbewirtschaftung, Biodiversität usw. bleiben dabei auf der Strecke, und leider auch die Honigbiene und ihre wilden Verwandten.

Die Nachfrager solcher Agrarerzeugnisse findet man mehrheitlich in den Städten. Auch wenn es in den letzten Jahren einen „Bioboom“ gegeben hat, die Masse der Bevölkerung greift nach wie vor zu den Produkten aus der konventionellen Landwirtschaft. Einmal, weil sie sich – zumindest in den unteren Schichten der Gesellschaft – Bioprodukte gar nicht leisten können, zum anderen, weil billige Lebensmittel finanzielle Ressourcen für sonstige Konsumwünsche schaffen.

Bienenschutz ist Umweltschutz! Doch ein paar Bienenkisten auf Stadtbalkonen, Länderparlamenten, auf dem Berliner Reichstag oder auf den Dächern von Konzernfilialen werden das komplexe Megaproblem, das hinter dem „Bienensterben“ steht, nicht lösen.

Wer Bienen nachhaltig retten will, der müsste dazu beitragen, die Ökonomisierung der Landwirtschaft umzukehren. Dafür müsste man sich mit mächtigen Interessensgruppen anlegen. Angefangen bei der Agrochemie über Maschinenbauer, Düngemittelkonzerne, Handelsketten und Nahrungsmitteldiscountern gibt es in den „Wertschöpfungsketten“ der konventionellen Landwirtschaft eine mächtige Lobby, die davon profitiert, dass der Verbraucher nach wie vor mehrheitlich lieber zum „Junkfood“ greift.

Wenn Deutschland auf Dauer wieder summen soll, dann hilft vor allem ein kritisches Konsumverhalten und die Unterstützung politischer Initiativen, die eine ökologische Landwirtschaft zum Ziel haben.

Kampagnen, die die Zusammenhänge von konventioneller Lebensmittelerzeugung, Konsumverhalten und Phänomenen wie dem Bienensterben verschweigen, sondern so tun, als könne ein „Orchester aus Imkern, Umweltschützern, Pfarrern, Unternehmern, Medienmachern und Künstlern“ mal eben kurz die Welt retten, sind vor allem eins: hoffnungslos naiv.

Ein Kommentar zu “Von Stadtbienen und Landbienen

  1. jasminka_ sagt:

    Hallo marzellus!
    Vielen Dank für den Beitrag. Ich muss ja zugeben, ich bin auch Bienenfan und werde demnächst einen der Workshops machen, aber in der Stadt imkern halte ich für eine doofe Idee. Deshalb ist das für mich eher ein fernes Zukunftsziel – auch fernab von meinem Stadtbalkon.
    Ich habe mich schon öfter gefragt, ob das denn sinnvoll ist, dass, wenn Bienen nicht genug Futter finden, alle plötzlich anfangen, selbst welche zu halten? Hä? Da ist das, was du in Bezug auf Berlin ansprichst, nicht schwer nachzuvollziehen.

    Ich finde es sehr gut, dass du diese Problematik, mit der du dich vermutlich besser auskennst, als die meisten anderen, nochmal in einen größeren Kontext setzt. Worauf ich auch gern hinweise: Nicht nur die Honigbiene stirbt, sondern auch andere bestäubende Insekten und Wildbienen-Arten. Das scheint oft unter den Tisch zu fallen, hat aber dieselben Gründe: Die problematische Art, wie wir Nahrung produzieren.

    Also: „Nichts gegen ‚blühende Städte‘, aber wir bräuchten vor allem ‚blühende Landschaften‘.“ JAAA, BITTE!!!

    LG jasminka

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