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Danke, Horst Stern!

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24. Oktober 2017 von Marzellus

Horst_Stern_1997_1Ein Pionier der Umweltbewegung, ein vielfach ausgezeichneter Journalist, Filmregisseur, ein engagierter Kämpfer für mehr Naturschutz und mehr Tierschutz, ein moderner Aufklärer, der dadurch populär wurde, dass er den Mut zur Unpopularität besitzt,  wird heute 95 Jahre alt.

Mit verfremdeten Philosophensprüchen wie “Gehst du zum Weibe, vergiss die Fliege nicht” unterhielt er uns in seinem Buch / Film “Am seidenen Faden” und faszinierte uns für die geheimnisvolle Welt der Spinnen. Mit provozierenden Überschriften wie “Haben Kaninchen einen Gott?” trat er in seinen Kolumnen gegen eine Vermenschlichung von Tieren ein.

Bonmots zum monströsen Landschaftverbau auf der Ferieninseinsel Lanzarote zeigen ihn als sprachlich meisterhaften Satiriker mit dem Vermögen zu beißendem Spott: “ Zum prominenten bisherigen Tier der Inselfauna, dem Kamel, gesellten sich zwei neue: Rendite-Fuchs und Baulandhyäne”. Augenzwinkernd amüsiert er uns mit kleinen Spitzen gegen staubtrockene Wissenschaftler, denen es nicht gelingt, ihre Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zu öffnen., weil ihre Epistel “…so erschreckende Titel tragen wie : ‚Über den Einfluss der monokularen und binokularen Sehweise auf die Lernfähigkeit von Gallus gallus domesticus‘. Worunter bloß ein Huhn zu verstehen ist.”

Schlagfertig liefert der Tierjournalist  eine moderne Variante des traditionsreichen Bildes von der Bienenstadt und der darin wohnenden arbeitsteiligen Gesellschaft. Als er seinen damaligen Programmdirektor überredete, die legendäre Dokumentation „Bemerkungen über Bienen“ zu genehmigen, verspricht er ihm, dass er im Bienenstock „Babysitter, Amme, Diätschwester, Hofdame, Wachsfabrikant, Maurer, Architekt, Kälte- und Wärmetechniker, Nahrungsmittelchemiker, Portier, Putzfrau, Aufklärer, Gärtner, Transportflieger und  die Fernsehansagerin, die wichtige Nachrichten tanzen kann“ filmen will. Für seine Regie zu seinem Film aus der Kategorie „Rosa“ erhielt Stern 1971 den Adolf-Grimme-Preis.

Ich habe die legendären Dokumentationen begeistert in ihrer Erstausstrahlung gesehen.  Das Format “Sterns Stunde” hat Fernsehgeschichte geschrieben.

Horst Sterns Bienenbuch zum Film erschien 1973. Ich besitze noch ein Exemplar der Erstausgabe des Taschenbuchs. Es gehört bis heute zu meinen Lieblingsbüchern über die Honigbiene. In meiner Büchersammlung steht das Werkchen direkt neben Karl von Frischs “Aus dem Leben der Bienen” und Maurice Maeterlinks “Das Leben der Bienen”.  

Was die Nobelpreisträger Maeterlink und Frisch gemeinsam haben, ist, dass sie beide mit dem Nobelpreis geehrt wurden, der eine für Medizin und Physiologie, der andere für Literatur. Horst Sterns Auszeichnungen waren vielleicht nicht ganz so bedeutend, aber “Die goldene Kamera”, der “Bayerische Naturschutzpreis” , der “Deutsche Kritikerpreis”, der  Sonderpreis des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft verweisen auf seine aufklärerische Wirkung in Sachen Naturschutz und Tierschutz schon in den 70er Jahren.
Mit Horst Stern verbindet die beiden Nobel Laureaten die Fähigkeit das komplexe Thema “Honigbiene” für den Laien in unterhaltsamer Form einem breiten Leserpublikum zu erschließen. Das gelingt wegen der Kombination aus Kenntnissen und einer wunderbaren sprachlichen Begabung der Autoren trockene Wissenschaft aus den akademischen Elfenbeintürmen zu befreien und in spannenden Lesestoff zu verwandeln. Alle drei Autoren sind definitiv meine literarischen Vorbilder für meine eigenen Texte über Bienen und Naturschutz.

Heute ist der Geburtstag von Horst Stern. Er wird 95 Jahre alt und lebt zurückgezogen in Passau. Seine Bücher sind leider vergriffen, bzw. nur noch antiquarisch zu besorgen. Das Deutsche Umweltzentrum und der “Bund für Umwelt- und Naturschutz” BUND verdanken ihre Gründung auch dem umtriebigen Selfmade-Journalisten. Seine Themen – falsch verstandene Tierliebe, Fehler bei der Tierhaltung und -pflege, Tierversuche und Tierquälerei bei der Nutztierhaltung – sind so aktuell wie nie.

Seine „Schwarzen“ Filme entfalteten spontane politische Wirkung. Seine „Bemerkungen über den Rothirsch öffnete der Öffentlichkeit die Augen für die immensen ökologischen und wirtschaftlichen Folgen des Rotwildüberbesatzes in unseren Wäldern. „Die deutsche Jagd war nach diesem Film nicht mehr das, was sie vorher war“, urteilte Stern über die Wirkung des Streifens. Aber auch die Massentierhaltung nahm Stern journalistisch aufs Korn und er war einer der ersten der die leider noch immer unerledigte Debatte über die Unvereinbarkeit von industrieller Tierproduktion mit dem ethisch geboteten Tierwohl.

Mit seinen Filmen, Essays, Kolumnen, Radiobeiträgen hat er  uns schon vor fast einem halben Jahrhundert Mut zum Widerspruch gegeben gegen die Perversionen der Tiervermenschlichung und der Tiervermassung, gegen die Janusköpfigkeit der Umweltpolitik und der Industrie mit den Gesichtern Zerstörung und Heilsversprechen, gegen die Spezialisierung der Wissenschaften bei gleichzeitigem Verlust an wissenschaftlicher Allgemeinbildung, gegen die verlogenen Paradiese der Tourismusindustrie, gegen das absurde Spezialistentum in der Wissenschaft, wo Forscher „…  immer weniger von immer mehr wissen“.

Stern hat Mut gemacht zur Emotion, uns mit Leidenschaft Gehör zu verschaffen in einer technikhörigen Gesellschaft, die blind den Technokraten, Spezialisten und Ökonomen folgt. “Sie kennen den Preis von allem und den Wert von nichts”

„Die Emotion ist des Menschen menschlichster Teil, die leidenschaftliche Schwester des kalten Verstandes und verwerflich nur dort, wo sie nicht mehr von Wissen kontrolliert wird und zur Demagogie entartet.”

Und zu den Emotionen gehört auch die Demut gegenüber den Leistungen der Natur und der Warnung, unsere Umwelt immer weiter zu manipulieren. Als geistiges Kollektiv hat sich die Menschheit die Geheimnisse der Natur in einer so unerhörten Weise erklärt, dass sie sie nun in so unerhörten Weise zu manipulieren beginnt. Als Individuum aber wird ein jeder von uns vor dem Angesicht der Natur zu einem Nichtwisser, den jeder kleine Spaziergang außerhalb der Städte einer ungeheuren Ahnungslosigkeit überführt. Schon die Betrachtung eines einzigen Quadrtameters Wiese stürzt gerade den intelligenten, zur Beobachtung fähigen Menschen in die Verzweiflung von Fragen, zu denen er die Antworten allenfalls in seinem Bücherschrank hat“.

Danke, Horst Stern!

 

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