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Königin der Bienenweide

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9. Juni 2025 von Marzellus

Würde mir jemand die Frage stellen, ob ich einen Lieblingsbaum habe, würde ich mich für die Linde entscheiden. Das hat gleich mehrere Gründe. Einmal hat der Baum eine beeindruckende kulturgeschichtliche Bedeutung. Die herzförmigen Blätter der Linde haben schon immer die Menschen dazu veranlasst, sie  mit Liebe, Zuneigung und gutgelaunter Geselligkeit in Verbindung zu bringen. In früheren Zeiten waren hochgewachsene Linden vielerorts der Dorfmittelpunkt. Dort dienten sie als „Tanzlinde“, als „Gerichtslinde“ oder waren der Treffpunkt von verliebten, jungen Menschen. Man pflanzte Linden als Friedensbäume wenn lange Kriegsphasen endlich vorbei waren. Als Friedenslinden sollten sie lebendige Mahnmale sein für ein gutes Miteinander. Ihre Langlebigkeit spiegelt sich in der alten Redensart: „Die Linde kommt 300 Jahre, steht 300 Jahre und vergeht 300 Jahre.“ 

Seitdem ich aktiv imkere habe ich die Linde auch als guten Trachtbaum für meine Bienen kennengelernt. Mit Spannung beobachte ich, wie sie auch bei uns in der Eifel bald ihre zahlreichen Blütenstände öffnen wird. Schon von weitem kann man ihr zungenförmiges, hellgrünes bis gelbliches Hochblatt wahrnehmen, an dem die Blütenstände hängen. Es dient als Flugorgan, um im Herbst dann die reifen Früchte mit dem Wind zu verbreiten.

Die Frühtracht ist abgeschleudert und meine fleißigen Bienen werden dank der Linde bald wieder massenhaft Nektar eintragen. Gegenüber meiner kleinen Werkstatt, in der ich die zum Imkern notwendigen Gerätschaften baue, steht ein solcher Bienenbaum. Ich freue mich jedes Jahr erneut auf das vielstimmige Konzert der  Bestäuber, die ihn bei schönem Wetter regelrecht zum Singen bringen.

In meinem Dorf gibt es zum Glück viele Linden. Wenn das Wetter mitspielt, kann ich gute Tracht erwarten. 

Ihre scheinbar mühelose Massenproduktion an Blüten und Früchten ist ein Lehrstück für die gewaltige Produktivität der Natur – und ein Fest für die Bienen.

Eine ausgewachsene, gesunde Linde kann während ihrer Blütezeit – je nach Art und Wetter zwischen Juni und Juli – unglaubliche Mengen an Nektar produzieren. Man schätzt, dass ein großer Lindenbaum bis zu 60.000 einzelne Blüten tragen kann. Jede dieser kleinen, duftenden Blüten ist eine ergiebige Nektarquelle, die bis zu 30 Milligramm Nektar pro Tag abgeben kann.

Der Nektar der Linde ist von hoher Qualität, mit einem Zuckergehalt von oft über 30 %. Unter optimalen Bedingungen – das heißt, warme Tage mit ausreichend Feuchtigkeit – kann ein einziger Lindenbaum genug Nektar liefern, um die Produktion von bis zu 30 Kilogramm Lindenhonig zu ermöglichen. Bedenkt man, dass die Bienen für ein Kilogramm Honig etwa zwei bis drei Kilogramm Nektar sammeln müssen, wird das immense Potenzial dieses Baumes deutlich: 60 bis 90 Kilogramm Nektar aus nur einem Baum!

Im Zusammenhang mit solchen Massentrachten ist der Begriff der Blütenstetigkeit entscheidend. Er beschreibt das faszinierende Verhalten der Honigbienen, sich während eines Sammelflugs oder über einen längeren Zeitraum hinweg auf die Blüten einer einzigen Pflanzenart zu konzentrieren. Wenn die Linde in voller Blüte steht, fokussieren sich die Sammlerinnen eines Bienenvolkes auf diese eine Quelle.

Diese Spezialisierung ist extrem effizient sowohl für die Biene als auch für die Pflanze. Die Bienen „lernt“ die Blüte schnell kennen und kann Nektar und Pollen besonders effizient sammeln, ohne Zeit und Energie mit dem Wechsel zwischen verschiedenen Blütentypen zu verschwenden. Jede Biene, die von einer Lindenblüte zur nächsten fliegt, transportiert dabei unzählige Pollenkörner. So sorgt sie für eine gezielte und effiziente Bestäubung innerhalb der Lindenpopulation. 

Und der Imker freut sich. Es wird nun über eine Zeit von mehreren Wochen ein sortenreiner Honig entstehen, der für seine Frische gelobt wird, die an Minze, Menthol oder sogar einen Hauch von Eukalyptus erinnert.   

Durch die gestaffelte Blütezeit von den großblättrigen Sommerlinden und den spätblühenden Winterlinden mit den im Vergleich etwas kleineren Blättern erstreckt sich die gesamte „Linden-Saison“ als wichtige Bienenweide oft über einen Zeitraum von etwa 4 bis 6 Wochen, typischerweise von Mitte Juni bis in den Juli. 

Ohne die akribische Fleißarbeit der Bienen würde die natürliche Fortpflanzung der Linde, die ja auch durch Samen erfolgt, deutlich erschwert.

Nach der Nektarpracht entwickelt die Linde ihre charakteristischen Früchte: kleine, runde Nüsschen, die an einem flügelartigen Hochblatt hängen. Da jede der bis zu 60.000 Blüten eines Baumes zu einem Nüsschen werden kann und eine Linde viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lebt und jährlich fruchtet, produziert ein einzelner Lindenbaum im Laufe seines gesamten Lebens Hunderttausende, ja sogar Millionen von Nüsschen. Diese beeindruckende Samenmenge ist eine Strategie der Natur, um die Fortpflanzung trotz geringer Erfolgsraten zu sichern.

Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem einzigen dieser Nüsschen ein neuer Lindenbaum heranwächst, ist extrem gering, und das liegt an mehreren Faktoren:

Ein signifikanter Teil der Linden-Nüsschen ist hohl oder enthält keinen keimfähigen Samen. Dies ist hauptsächlich auf nicht befruchtete Blüten oder eine unvollständige Samenentwicklung nach der Befruchtung zurückzuführen. Selbst wenn eine Blüte von einer Biene besucht wird, kann der komplexe Befruchtungsprozess fehlschlagen. Ungünstige Umweltbedingungen während der Blütezeit, wie extreme Trockenheit, Kälte oder starker Regen, können die Befruchtung oder die frühe Samenentwicklung ebenfalls stören.

Linden-Samen sind „Kaltkeimer“ und benötigen eine monatelange Kälteperiode (Stratifikation), um überhaupt keimen zu können. Sie sprießen oft erst im Frühjahr des übernächsten Jahres nach der Samenreife. Die Linden-Keimlinge brauchen viel Licht und haben es schwer, sich im Schatten des Mutterbaums oder inmitten dichter Vegetation durchzusetzen. 

In der Natur vermehrt sich die Linde oft erfolgreicher über Stockausschläge oder Wurzelausläufer. Diese vegetative Vermehrung ist weniger risikoreich ist als die komplexe Keimung aus Samen. Dennoch ist die Bestäubung der Blüten durch Bienen essenziell, um überhaupt keimfähige Samen zu produzieren und die genetische Vielfalt innerhalb der Lindenpopulation zu gewährleisten.

Die Linde ist weit mehr als nur ein beliebter Park- und Alleebaum, der uns im Sommer Schatten spendet. Sie ist ein ökologisches Kraftpaket und eine unermüdliche Nektarfabrik. Ihr Beitrag zur Ernährung der Honigbienen und zur Vielfalt der Natur ist enorm und unterstreicht, wie wichtig der Schutz und die Förderung solcher heimischen Baumarten für die Gesundheit unserer Bestäuberpopulationen sind.

Ein Kommentar zu “Königin der Bienenweide

  1. Avatar von helgabiene helgabiene sagt:

    Hallo Marcellus,das ist wieder e

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