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Gute-Laune-Biene

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16. Januar 2019 von Marzellus

Screenshot aus dem Film: „Verwitterte Melodie“ Youtube

Gute-Laune-Biene im Dienst der NS-Propaganda

Ein bisschen sieht sie aus wie die Biene Maja mit langer Nase und mit Stachel. Nach einer Übernachtung in einer Glockenblume auf  einer üppigen Blumenwiese wacht sie auf und genießt ihr freies Leben, bis sie zu einem weggeworfenen Grammophon kommt. Mit ihrem Stachel entlockt sie der aufgelegten Schallplatte die Melodie zu dem Schlager „Wenn die Woche keinen Sonntag hätte“ und die Party der Wiesenbewohner startet.


Der auf den ersten Blick harmlose Trickfilm aus dem Jahr 1942 wurde gezeichnet von dem deutschen Werbegrafiker und Trickfilmer Hans Fischer. Seinen Künstlernamen Fischerkösen bildete er durch Anhängen seines Geburtsortes Kösen.

„Scherzo, Die verwitterte Melodie“ ist der H-Film in der Serie der Wochenschau Produktionen betitelt. H steht hier für heiter und für das Propaganda-Programm der Nationalsozialisten: Heitere Filme sollten ablenken von Sorgen und Problemen und unterschwellig für NS-Ziele Werbung machen.

Das Produktionsjahr des Films liegt noch vor der „Schlacht von Stalingrad“ dem Zeitpunkt der Kriegswende und des beginnenden Niedergangs von Nazideutschland. Fischerkoesens Film ist in dieser Hinsicht typisch für 90 % der Filme aus der Spätphase der NS-Filmproduktion,

Als kränkelndes, asthmatisches Kind wurde der spätere Trickfilmpionier von seinen Eltern im Hause gehalten. So beschäftigte er sich schon früh mit dem Zeichnen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde er 1921 mit dem Film „Das Loch im Westen“ bekannt, in dem er in einer bitteren Satire mit den „Kriegsgewinnlern“ abrechnete. Der Film gilt als erster deutscher Trickfilm, ist jedoch verschollen.

Fischerkoesens Filmkarriere begann als Werbefilmer. Nach der Machtergreifung Hitlers erhielt er von Propagandaminister Goebbels den Auftrag Trickfilme herzustellen. Die sollten es technisch und zeichnerisch mit denen von Walt Disney aufnehmen, den sowohl Hitler als auch Goebbels bewunderten. Ziel der Nazis war, eine eigene Trickfilmindustrie jenseits der amerikanischen Produktionen aufzubauen. Goebbels befahl 1941 Fischerkoesen und seinen Mitarbeitern den Umzug in die UFA Studios in Berlin.

In der Folge schuf „Hitlers Walt Disney“ neben den Zeichentrickfilmen „Der Schneemann“(1943) und „Das dumme Gänslein“ (1944) auch seinen Film „Die verwitterte Melodie“ mit einer Biene in der Hauptrolle. Auffällig an den drei Produktionen ist, dass sie ganz ohne Dialoge auskommen. Der Grund: Sie sollten in den besetzen Gebieten in Osteuropa die Stimmung der Bevölkerung heben.

Filmplakat 1938 zur Ausstellung „Entartete Musik“

Doch Filmhistoriker erkennen vor allem in Fischerkoesens Film mit der Biene subversive Elemente. Die Tiere tanzen zu einer bei den Nazis eigentlich verpönten „Swing-Melodie“. Seit 1938 galt die als „degeneriert“ und „entartet“ deklarierte „Negermusik“ im Hakenkreuzdeutschland als verboten.

Aber auch die Charakterzeichnung der Biene entspricht nicht der Herrenmenschenideologie der NS-Zeit. Die abenteuerlustige, lebensfrohe, witzige, kreative und freundliche Biene mit ihren allzu „menschlichen“ Schwächen und ihren durchaus komplexen Charaktereigenschaften entspricht überhaupt nicht dem Bild des tatkräftigen und rücksichtlosen Ariers und dessen Herrschaftsanspruch.

Im Gegenteil: Hier lieben sich Käfer und Schmetterling, Fliegen tanzen mit den Ameisen, man applaudiert dem Tausendfüßler für seine Soloeinlage und eine Made dirigiert ein Ballett von Faltern.

Das frohe Miteinander auf dem Wiesenmikrokosmos erinnert eher an eine Demonstration von Individualismus und an ein tolerantes Miteinander und weniger an völkische Rassenideologie.

Fischerkösens Sohn hat später über seinen Vater, der nach dem Krieg wieder erfolgreich als Werbefilmer war, gesagt: „Es ist bekannt, dass mein Vater kein Mitglied der NSDAP war – aber er war mit Sicherheit auch kein Untergrundkämpfer.“ 

Man kann daraus schließen, dass die subversiven Ansätze des unpolitischen Fischerkoesen nicht unbedingt als bewusster „Widerstand“ gewertet werden dürfen, sondern wohl eher dafür stehen, dass er sich trotz seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit von Hitlers Propagandamaschine nicht in seiner Menschlichkeit hat korrumpieren lassen hat.

Interessante Links:

Hitlers Walt Disney

The Case of Hans Fischerkoesen in Animation World Network

Verwitterte Melodie auf youtube

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