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Piefche

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24. Januar 2019 von Marzellus

piefchenAutojunkies, die ein generelles Tempolimit als Einschränkung persönlicher Freiheit empfinden, erinnern mich an einen Menschen aus meiner Jugend.

„Nenn mich Piefche“ stellte der schmächtige Mittfünfziger sich mit metallisch klingender Sprache vor. Wenn man ihn sah, wusste man: Treffender konnte der kleine Mann aus Köln sich nicht vorstellen. Piefchen war Kettenraucher. Er nahm den Daumen seiner linken Hand von seinem Hals. Nur so konnte er genügend Luftdruck aufbauen um zu sprechen. Dann hielt er mit der rechten Hand seine Zigarette an das Atemloch, das man ihm nach seiner Kehlkopfoperation gelassen hatte, und nahm einen tiefen Zug.

„Pief“ steht im rheinischen Dialekt für Pfeife oder Ofenrohr, im Dialekt der Nordeifel benutzt man das Wort auch für das Verb „rauchen“. Ich weiß nicht, was mich mehr wunderte: Die Art und Weise, wie er sich und sein Laster selbstironisch auf den Arm nahm, oder die Erkenntnis, wie selbstzerstörerisch Menschen sein können.

Die Episode mit „Piefche“ liegt fast 50 Jahre zurück. Sie ist mir wieder eingefallen, als ich die Reaktionen der Politik auf die Vorschläge der Expertenkommission zum Klimaschutz gelesen habe. Da gibt es deutliche Parallelen.

Wie Piefchen selbst mit dem eigenen Tod konfrontiert, auf seine Zigaretten nicht verzichten wollte,  so verhalten sich Millionen deutsche Autofahrer, wenn jemand in Reaktion auf den Klimawandel vernünftigerweise Einschränkungen im Autoverkehr fordert. Die Drohkulisse kann noch so mächtig und noch so real sein, die Kraft des Faktischen noch so „alternativlos“, die uneingeschränkte Automobilität darf nicht angetastet werden.

Letzte Woche hat die Kommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ vorgeschlagen, dass zur Eindämmung der CO2 Emissionen auch ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen und Spritpreiserhöhungen eingeführt werden sollten. Und schon kocht die Volksseele in einem Land, in dem der Satz „Freie Fahrt für freie Bürger“ einen inoffiziellen Verfassungsstatus zu haben scheint. Und so heilig wie ein niedriger Baguettepreis in Frankreich ist, so unantastbar sind im Land des Heiligen Blechles die Spritpreise, zumindestest dann, wenn damit Anreize für die Entwicklung spritsparender Autos und neuer Mobilitätssysteme finanziert werden sollen.

Dabei müsste gerade beim Thema Mobilität vieles anders werden, wenn wir angesichts der Klimaprobleme noch einigermaßen die Kurve kriegen wollen. Im Verkehrsbereich ist in den vergangenen Jahren beim Ausstoß der Treibhausgasemissionen wenig passiert- im Gegenteil:

„Die gestiegene Motorleistung der deutschen Pkw führte im Jahr 2017 im Vergleich zu 2010 zu einem rechnerischen Zuwachs der CO2-Emissionen um 8 Millionen Tonnen. Die Zunahme von Beständen und Fahrleistungen sorgte für eine rechnerische Erhöhung der CO2-Emissionen um weitere 6 Millionen Tonnen. Einzig die gesunkenen Durchschnittsverbräuche (Liter je 100 Kilometer) wirkten diesen beiden Faktoren mit einer rechnerischen Absenkung um 7 Millionen Tonnen entgegen, konnten sie aber nicht kompensieren.“, stellt das Statistische Bundesamt hierzu fest.

Noch einmal zurück zu „Piefchen“: Den hat das Kettenrauchen das Leben gekostet, schon ein Jahr, nachdem ich ihn kennengelernt habe. Ich habe das bedauert, weil er ein netter Mensch war, aber er hat sich letzten Endes für diesen Tod selbst entschieden. Aber im Unterschied zu den deutschen Autojunkies hatte Piefchen nur Verantwortung für sich selbst.

Die unreflektierte Einstellung „Freie Fahrt für Freie Bürger“, und alle diejenigen, die in diesem Geiste Politik betreiben, schränken meine eigene Freiheit ein und bedrohen meine Grundrechte.

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Dieses moalische Prinzip, von Immanuel Kant (1724-1804) formuliert, drückt sich in Artikel 2,1 des Grundgesetzes aus: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“.

Zur „freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit“ mag für den deutschen Autofahrer auch der uneingeschränkte Kickdown auf das Gaspedal gehören. Aber diesem Recht sind verfassungsmäßige Grenzen gesetzt. Ich habe ein Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, meine Kinder und Enkelkinder haben das und deren Nachfahren.

Seit 1994 ist der Schutz der Umwelt Staatsziel. „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ (GG§20a)

Wie peinlich und entlarvend sind angesichts von immer bedrohlicher werdenden Wetterkatastrophen, Überflutungen, Dürren und aller ihrer Konsquenzen die Eiertänze unserer Politiker, allen voran Verkehrsminister Scheuer (CSU). Tempolimits seien „gegen jeden Menschenverstand“, reagierte der auf die Vorschläge der Klimaarbeitsgruppe.

Wer so etwas sagt, hat wahrscheinlich selbst keinen Verstand. Oder hat Bertold Brecht recht? „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

Weiterführende Links:

Dienstag, 22. Januar 2019,  Ärger um Tempolimit: Scheuer sagt Treffen mit Klima-Arbeitsgruppe ab

Scheuer ledert gegen Tempolimit –  doch Regierung hält sich noch alles offen

 

 

 

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