Flugverbotszonen für Honigbienen
119. Juli 2024 von Marzellus

Eine Diskussion in der Zeitschrift TOP-Agrar[1], befasst sich mit dem Thema Verbotszonen für Honigbienen. Wildbienenschützer behaupten, Honigbienen seien Nahrungskonkurrenten der Wildbienen und würden diesen die Nahrungsgrundlagen streitig machen. Deshalb sollen möglichst großräumige Schutzzonen eingerichtet werde. Vor allem ein Beitrag von Christian Schmidt-Eggert, Wildbienenexperte und Gutachter für die Ausweisung von Naturschutzgebieten, macht mich fassungslos angesichts der Polemik, der Halbwahrheiten und der offensichtlichen Scheuklappensicht des Wildbienenexperten.
Hier meine Replik:
Schmidt-Eggert behauptet, die Honigbiene würde in ihrer Bestäubungsleistung stark überschätzt. Er bezieht sich dabei auf eine Studie und auf Beobachtungen von Obstbauern in ihren Plantagen. Was er nicht sagt, ist, dass Honigbienen solche Trachten nicht annehmen, wenn in der Nachbarschaft andere Trachtmöglichkeiten aus Gründen der Sammeleffizienz für die Biene attraktiver sind. Zum Beispiel Rapsfelder: Die Blühzeiten beider Kulturpflanzen überschneiden sich größtenteils im April und Mai. Wo ist jetzt die wissenschaftliche Evidenz solcher Aussagen, wenn sie das Umfeld nicht betrachtet?
Dann behauptet der Experte, die Honigbiene sei nicht gefährdet und könne beliebig nachgezüchtet werden. Soweit richtig, aber er verschweigt den wichtigen Bedingungssatz: Solange sich eine engagierte Imkerschaft um ihr Überleben kümmert! Wäre das anders, würden innerhalb Deutschlands innerhalb von 3 Jahren die Honigbienenbestände auf Grund von eingeschleppten Parasiten und Bienenkrankheiten kollabieren.
Honigbienenverbotszonen in Gegenden wie der Eifel mit vielen, oft auch kleinparzelligen Naturschutzgebieten, würde das besonders treffen. Angesichts der Dichte von Schutzzonen hier und anderswo würde das in Deutschland zahlreiche Imker zur Aufgabe der Bienenhaltung zwingen. Und das hätte schlimme Folgen für Natur, Landwirtschaft und Hausgärten.
In Deutschland gibt es heute, laut Imkerbund, rund 130.000 Imker. Die meisten davon (96%) haben weniger als 25 Völker und sind sogenannte Standimker. Sie haben in der Regel einen oder zwei Bienenstände in einer Ortslage, und wandern nicht den Massentrachten in den Monokulturen der Land- und Forstwirtschaft nach. Die Hobbyimker stellen also die mit Abstand größte Gruppe in der deutschen Imkerschaft. Und auf deren Schultern ruht das öffentliche Gut Bestäubungssicherheit. Und das betrifft keineswegs nur die landwirtschaftlichen Kulturen.
Bestäubungssicherheit ist ein sehr komplexes Thema und hängt stark von kontinuierlichen Bemühungen zur Erhaltung und Förderung der Bestäuberpopulationen ab. Da gehören ohne Frage auch die Wildbienen dazu. Aber es wäre ein riskanter Irrweg, die Fruchtbarkeit der deutschen Landschaften alleine den Wildbienen zu überlassen, wie der Wildbienenschützer suggeriert. Auch in natürlichen Gegenden ist die Präsenz der Honigbienen zur Erfüllung ihrer in Millionen von Jahren entwickelten Funktion als Massenbestäuber zwingend erforderlich.
Die Zahlen machen die Haltlosigkeit der Vorwürfe gegen die deutsche Imkerschaft besonders deutlich, wenn man sie im historischen Vergleich sieht. Gegenüber 1960 ist die absolute Zahl der Imker um 20.000 Imker gesunken. Und auch die nationale Honigproduktion in den Zeiten, in denen es noch kein dramatisches Insektensterben gegeben hat, war doppelt so hoch. Seit den 1980er Jahren haben Wissenschaftler und Naturschützer auf den Rückgang bestimmter Insektenpopulationen aufmerksam gemacht. Aber auf die sonderbare Idee, dass die Imker an diesen Entwicklungen schuld sein sollten, ist man aus gutem Grund nicht gekommen. Ganz im Gegenteil: In den 1990er Jahren hatten wir sogar die Situation, dass es nur noch 70.000 Imker in Deutschland gegeben hat. Dass vor allem die Zahl der Freizeitimker seitdem wieder gewachsen ist, hat viel damit zu tun, dass Menschen in der Imkerei mit ihrem Hobby einen aktiven Beitrag zum Schutz der Umwelt leisten wollen.
In seinem Beitrag behauptet Schmidt-Eggert, „moderne“ Honigbienen seien wie Hochleistungskühe, die man auch nicht zum Weiden in den Wald treibe. Wäre das so, hätte es in den 1960er Jahren mehr Grund für solchen Alarmismus gegeben. Damals gab es noch etwa 2 Millionen Honigbienenvölker. (Stand heute, laut DIB, 930.000.) Parallel dazu hat sich auch die Honigproduktion exakt halbiert. Fazit: Die Bienen aus der guten alten Zeit sind nicht zu geflügelten „Hochleistungskühen“ mutiert, die in Rambo-Manier den schutzbedürftigen Wildbienen das Futter wegstehlen? Und Mehrerträge allein auf den „hochgezüchteten“ Nektareintrag zu reduzieren übersieht außerdem, dass eine gesteigerte Honigproduktion nicht nur auf züchterischen Erfolgen beruhen, sondern auch mit verbesserten imkerlichen Techniken erklärt werden müssten. Außerdem wage ich zu behaupten, dass die Mehrzahl der Kleinimker mit bastardisierten „Landrassen“ imkert und nicht unbedingt mit Bienen aus den leistungsstärkeren Zuchtlinien.
Die dümmste aller Aussagen des Experten ist die vom Aussterben der „wilden Honigbiene“. Daraus leitet er die Behauptung ab, „moderne“ Honigbienen seien KEIN natürlicher und unverzichtbarer Bestandteil der heimischen Fauna. Ihr angestammter Platz sei stattdessen der „Ackerrand an einem Rapsfeld“.
Richtig daran ist, dass es bis in die 70er Jahre noch viele wild lebende Honigbienen gegeben hat. Doch dann müsste man auch erklären, was zum Aussterben der „wilden“ Honigbienen geführt hat. Genau seit dieser Zeit bedroht die eingeschleppte Varroamilbe die wild lebenden Bienenbestände und das schlagartige „Aussterben“ wilder Bienen hat genau darin seine Ursache.
Außerdem ist es falsch, dass die autochtone „Schwarze Biene“, auf die sich der Experte wohl bezieht, ausgestorben ist. Die Reduktion der Bestände dieser Bienenpopulation begann bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als andere Bienenrassen, wie die italienische Honigbiene (Apis mellifera ligustica) und die Kärntner Biene (Apis mellifera carnica), importiert und von den Imkern bevorzugt wurden. Das hat zu einer Hybridisierung der Bienenrassen geführt. Die daraus entstandene „Landrasse“ hat bis zum heutigen Tag nicht ausschließlich die Landwirtschaft bedient, so wie der Wildbienenexperte suggeriert, sondern hat auch nahtlos die Bestäubung der Wildflora übernommen. Übrigens tun das auch die Honigbienen aus der systematischen Züchtung. Das könnte jeder Imker anhand einer einfachen Pollenanalyse belegen und jedes Glas Honig aus Deutschland belegt die Bestäubungsarbeit unserer Bienen in der Betreuung der Imker.
Und will der Herr Experte ernsthaft bestreiten, dass es außerhalb der Ackerbauregionen auch in der „Natur“ ausgesprochene Massentrachten gibt, die ohne Honigbiene überhaupt nicht bestäubt würden. Ich wage zu bezweifeln, dass die wenigen Hummeln und Mauerbienen, die schon im Frühjahr unterwegs sind, die Massenblüte der Wildpflanzen dieser Jahreszeit bestäuben könnten. Das gleiche gilt für andere Jahreszeiten auch.
Auch mit der Schwarzen Biene wurde einmal geimkert. Und der Honigertrag dieser Bienen ist zugegebenermaßen nicht ganz so hoch. Aber der Mehrertrag der „modernen“ Biene, die im 19.Jahrhundert erst „modern“ wurde, ist nicht so bedeutend, dass sie einen wesentlichen Unterschied begründen könnte. Und wenn ich schon mal bei der „wilden“ Biene bin: Für das Mittelalter, als sicher nicht alles besser war, schätzt man die Bienendichte pro Quadratkilometer auf 5-10 Völker. Heute, wo die Zahlen besser bestimmt werden können, haben wir eine Bienendichte von 2,2 Bienenvölker pro Quadratkilometer.
Mein Fazit: Das Gefährliche an Halbwahrheitenn ist, dass immer die falsche Hälfte geglaubt wird. Seriöse Wissenschaft darf sich keine Scheuklappen anlegen, wie im Fall der Wildbienenschützer. Und bevor man gesetzgeberisch tätig wird, sollte man ein Thema von allen Seiten beleuchten. Für mich steht fest: Verbotszonen für Honigbienen sind nicht zielführend. Stattdessen sollte jede Chance genutzt werden, Blühflächen aller Art zu schaffen.


Ich habe mir mal die Mühe gemacht und geschaut, wer dieser Christian Schmid Egger ist.
http://neu.schmid-egger.de/projekte-und-referenzen/
Kein Wildbienenexperte, sondern PR Onkel und auf seiner Webseite kann jeder auch die Referenzen finden. Wer ihn wohl für seine Aussagen bezahlt? Seine Aussagen sind wissenschaftlich nicht bewiesen.
Ein Schelm, der dabei Böses denkt.
Hier sollen gezielt Imker schlecht gemacht werden.
Das Ding ist gezielt von der Industrie angestoßen. Bayer kann die Imker ja nicht direkt angehen. Image etc. – aber jetzt arbeitet man halt daran, das gut Image der Imker durch dieses Thema kaputt zu machen.
Das ist Lobbyarbeit auf hohem Niveau, was die da betreiben. Und TOP Agrar gehört ja zum Bauernverband und da hat er ja auch Referenzen.
Danke für Deinen guten Beiträge.
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