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Hommage an den Ginster

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3. Mai 2020 von Marzellus

ginsterblüteEs gibt Pflanzen, zu denen hat man so etwas wie eine persönliche Beziehung. Für mich gehört der Ginster in diese Gruppe. In der kalten Schneifel, aus der ich stamme, fiel die Ginsterblüte zusammen mit dem Frühsommer. In den Jahren des Klimawandels sieht man ihn schon jetzt, Ende April.

Der Ginster ließ in meinem Heimatort Ormont den Hausberg des Dorfes, den Goldberg, früher erst Ende Mai in einem kräftigen Sonnengelb leuchten. Der Strauch lieferte reichlich Material für den Feiertagsschmuck an Fronleichnam. Als Kinder mussten wir an den Tagen vor dem katholischen Festtag eimerweise Blüten heranschleppen, die dann vor den provisorischen Altären, die an diesem Tag aufgerichtet wurden, zu kunstvollen Blumenteppichen ausgelegt wurden. An den Fahnenstangenspitzen mit den Hausfahnen waren oft Büschel von blühenden Ginsterzweigen befestigt.

Bei der Pferde- und Traktorsegnung an Christi Himmelfahrt wurden die Kühlerhauben mit blühenden Ginsterbüschen verziert. Unter den Landwirten war „Spartium scoparium“, übersetzt der „Besenstrauch“, ansonsten als lästiges “Gestrüpp” verpönt. Der Name wird darauf zurückgeführt, dass man  aus seiner Rinde einen Bast gewinnen konnte, mit dem man einen traditionellen Reisigbesen band.

Dabei verdankt die Eifel dem Strauch aus der Ordnung der Schmetterlingsartigen viel Gutes und hätte mehr Wertschätzung verdient. Das spöttisch „Eifelgold“ genannte Gewächs gehört zu den Leguminosen, die den Boden mit aus der Luft gesammeltem Stickstoff versorgen. Diesen gibt die Pionierpflanze mit Hilfe der an seinen Wurzeln befindlichen Knöllchenbakterien an den Boden ab. Die langen Wurzeln des Strauchs halten auf mageren Böden die geringe Humusauflage fest. Besonders auf Flächen, die der Erosion durch Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert sind, hilft die Pflanze geschundenen Böden sich wieder zu regenerieren. Bald kann sich dann auch wieder eine Folgevegetation einstellen.

Dabei hätte gerade das spöttisch „Eifelgold“ genannte Gewächs unter Eiflern mehr Wertschätzung verdient. Dem vermeintlich “wertlosen Gestrüpp”  verdankt die Eifel viel Gutes.

Seine Schnellwüchsigkeit und sein bodendeckendes Wurzelsystem haben dabei geholfen, die Erosion auf den ehemals großen Kahlschlagflächen der Eifel aufzuhalten. Ohne den Ginster und die Besenheide hätte die Eifel sich vermutlich in eine Steinwüste verwandelt.

Die baumlosen Ginsterheiden der Eifel entstanden als Folge einer seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit hinein wachsenden Eisenverhüttung, die zuletzt industrielle Maßstäbe annahm. Für die energiereiche Eisenschmelze benötigte man Unmengen an Holzkohle. Diese lieferte eine in der damals noch waldreichen Eifel intensiv betriebene Köhlerei, die die natürlichen Eichen und Buchenwälder großflächig vernichtete.

Die weitgehend baumlosen Kahlflächen wurden nicht wieder aufgeforstet und es entstanden die großen Besenginsterheiden, wie sie noch auf den Bildern der bekannten Malern der Eifel, Fritz von Wille und Wilhelm Degode, dargestellt werden.

Auf diesen Flächen betrieben die Bauern der Eifel die so genannte Schiffelwirtschaft. Hierbei wurde die Grasnarbe gemäht und mit mit Hacken abgeschält, getrocknet und dann zusammen mit Ginsterreisig und Sträuchern auf der Fläche verbrannt. Die anfallende Asche wurde als Dünger auf dem Land verteilt und danach mit Roggen eingesät. Der Roggensaat folgte meist eine Einsaat mit Hafer, Spelz (Dinkel) oder Buchweizen. Nach dem dritten Bewirtschaftungsjahr ließ man das Land wieder brach liegen. Diese sogenannte Dreesche dauerte über mehrere Jahre, während derer man das Gelände als Viehweide nutzte. Im Norddeutschen Raum nennt man dieses primitive Verfahren „Plaggenwirtschaft“. Von daher stammt auch das Wort „Plackerei“ als Begriff für die harte körperliche Arbeit auf den Feldern. In einem alten Kupferstich aus der Senneregion wird deutlich, wie mühsam man für sein tägliches Brot schuften musste.

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Plaggenwirtschaft in der Senne. So war es wohl auch in der Eifel. Mit Sense und Hacke trug man die Vegetationsschicht ab, trocknete und verbrannte sie und streute die Asche als Dünger auf die Felder

Die Bilder der bekannten Eifelmaler sind neben ihrer dokumentarischen Qualität auch Belege für die künstlerische Beliebtheit des Ginstermotivs.  Das Grimm’sche Wörterbuch von 1854 stellt fest, der Ginster sei unter Künstlern besonders beliebt „zur Kennzeichnung öder Landstriche“ und „zur Erweckung und Schilderung romantischer Stimmungen“.

In dem berühmtesten Bild des Eifelmalers Fritz von Wille ist der Strauch zwar eher in einer Nebenrolle zusammen mit Lupinen und Margeriten abgebildet. Das Bild „Die blaue Blume“ zeigt die Pracht der Blütenfülle auf dem Tuffwall des Weinfelder Maars bei Daun. Das Ölgemälde wurde deutschlandweit bekannt, als Kaiser Wilhelm II es 1908 erwarb und in seinem Arbeitszimmer aufhängen ließ. Mit dieser kaiserlichen Bürodekoration rückte die Eifel auch in das Interesse der preußischen Landesherren. Und dadurch wurde auch ihr Maler prominent.

In anderen Gemälden stellt der Künstler immer wieder prächtige Ginsterheiden als eine landschaftstypische Eifelvegetation dar. Leider findet man solche Eifelansichten im 21. Jahrhundert in der Eifel kaum noch.

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Fritz von Wille: Frühjahrsblüte am Totenmaar in der Eifel 1910

 

Dort, wo sich der Besenginster ansiedelt, bedeckt er schnell weite Flächen. Bereits mit drei Jahren zeigt er seine ersten Blüten. In seinen fruchtbaren Jahren verstreut er, wie für  Pionierpflanzen typisch, reichlich Samen. Die trockenen, reifen Schoten springen an heißen Sonnentagen auf und schleudern ihren Samen mehrere Meter weit in die Umgebung.

Ähnlich explosiv geht es bereits bei der Bestäubung der Ginsterblüte zu. Die nektarlose Blüte des Ginsters verfügt über einen wirkungsvollen Schnellmechanismus, der nur von großen Hummeln ausgelöst werden kann. Sobald sich ein Exemplar auf die Blüte setzt, wird das aus zwei der fünf Blüten gebildete Schiffchen heruntergedrückt und die darin liegenden unteren Staubblätter öffnen sich explosionsartig und schleudern ihre Pollenladung gegen den Bauch des Besuchers. Bei der Suche nach Insektennnahrung in der verführerisch gelben Blüte spaltet das Insekt das Schiffchen bis zur Spitze, und dann  schlagen die vier oberen Staubblätter dem geflügelten Gast eine weitere Pollenladung auf den Rücken. Erst nach dem initialen Hummelbesuch ist auch der Weg frei für kleinere Pollen sammelnde Bienen und Käfer.

Bei meinen Streifzügen in der Hocheifel fällt mir auf, dass der Ginster zunehmend verschwindet. Bis vor wenigen Jahren waren es vor allem die steilen Straßenböschungen, die im Frühsommer noch eine üppige Ginsterblüte zeigten. Doch der Mäh-Tick der Straßenverwaltungen wird allmählich auch zur Ausrottung des Eifler Ginsters führen. Wenn man genau hinsieht entdeckt man den Bodenpionier nur noch entlang der oberen Säume der inzwischen vegetationsarmen Starßenböschungen.

Mitte Mai beginnt die Mähsaison, und schon sind die ersten Kolonnen von Straßenwärtern unterwegs, um bis zu 12 Meter rechts und links der Fahrbahn die Straßenränder zu mulchen, wie es ihnen die Dienstordnung des Landesbetriebs Straßen vorschreibt. Und nicht nur der Ginster verschwindet an seinen angestammten Standorten. Man übersieht vor lauter Eifer, den Autofahrer auf diese Weise vor Wildunfällen zu schützen, dass man mit dieser Maßnahme wertvolle ökologische Rückzugsräume vernichtet, weil dort auf Dauer nur noch Gräser überleben werden.

Die gesamte Vegetation befindet sich gerade in der Zeit der Ginsterblüte auf dem Höhepunkt der Blütezeit. Das Mulchen ist der Tod für den Sommerflor und mit ihm für viele Kleintiere. Die Pflanzen können nicht absamen und mehrjährige Arten lagern kaum Nährstoffe in ihre Speicherorgane ein. Käfer, Lurche, Insekten, Kleinsäuger verlieren ihre Nahrungsgrundlage, meistens auch ihr Leben, weil sie in die Mähwerke der Straßenwärter geraten. So setzt man im öffentlichen Straßenraum mit einer deutlich zu frühen Mahd eine tödliche Kettenreaktion auf einer insgesamt riesigen Fläche in Gang, die das Insektensterben und den galoppierenden Artenverlust beschleunigt.

“Nie kommt der Mensch durch Vernunft zur Vernunft”, meinte der Aufklärer Montesquieu. Ich fürchte, wir müssen erst die ökologische Katastrophe durchleben, die der galoppierenden Naturzerstörung unweigerlich folgen wird. Dann erst wird man einsehen, dass wir auch dem Ginster wieder seinen Raum zurückgeben müssen.

Stumpfsinnig und gleichgültig sind wir gegenüber der Natur geworden. Das langsame Verschwinden des Ginsters ist ein böses Omen.

Zum Titelbild: Sandbiene auf Ginsterblüte. Bildquelle Pixabay

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