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Ich steh am Weg und warte

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20. Juli 2019 von Marzellus

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Schwebfliegen sammeln Pollen an der Wegwarte. Eigenes Aufnahme

Ich steh am Weg und warte | Im blassen blauen Keid, | Indeß ich hofft und harrte, |Verging die Sommerzeit,  | Und immer, immer kommt er nicht, | Der Liebste, der mich sucht und bricht,  | Ich steh am Weg und warte | Im blassen, blauen Kleid.

Für den Imker ist die hier vom Dichter Karl von Gerock 1890 beschriebene Wegwarte eine interessante Bienenpflanze, weil sie reichlich Nektar und Pollen spendet. Im 18. Jahrhundert unter Friedrich dem Großen wurde ihr Anbau sogar einmal staatlich gefördert. Der Grund: Ihre Wurzeln sind bis heute als Kaffee-Alternative gebräuchlich. „Ihre spindelförmige, fleischige, weiße Wurzel wird als Kaffeesurrogat, ihr Kraut als Viehfutter benutzt. Unter allen Stellvertretern des Kaffee, hat seit vielen Jahren die Zichorie den Vorzug behalten, und wird in allen Gegenden stark consumirt.“ heißt es in einem landwirtschaftlichen Lehrbuch aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Geröstet und gemahlen wurden sie früher zur Streckung des teuren Bohnenkaffees benutzt oder als “Deutscher Kaffee” oder “Preußischer Kaffee” aufgebrüht. Mit der Erfindung des Ersatzkaffees war ihr Anbau für Landwirte interessant geworden. Zentren der Produktion von „Zichorienkaffee“ waren Berlin und Braunschweig.

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an diesen “Muckefuck” der Nachkriegszeit. Das seltsame Wort ist eine Verballhornung des französischen Ausdrucks „Mocca faux“, der „falsche Kaffee“. Auch der “Caro-Kaffee” ist ein heute noch erhältliches Produkt, das neben Gerste, Gerstenmalz und Roggen aus der Wegwartenwurzel gewonnen wird.

Die Wegwarte ist die Stammpflanze des Chicorée, wie auch von Zichoriensalat, Zichorienwurzel, des Endiviensalats und Radicchio. Diese Varietäten zeigen, wie gezielte Pflanzenzüchtung innerhalb kurzer Zeit von der Wildform ausgehend sehr verschiedenartige Kulturformen hervorbringt.

In den heutigen Agrarlandschaften, in denen die Äcker meistens bis an den Wegrand gepflügt werden, ist die Wegwarte leider selten geworden. Wie viele andere Ackerfrüchte, die den Imkern vergangener Jahrhunderte noch eine gute Bienenweide boten, wird die Wegwarte heute nicht mehr angebaut. Und auch die Mähwut der kommunalen und staatlichen Straßenbehörden verdrängt diese schöne  Sommerblume zunehmend. In Niedersachsen und Hamburg steht die Wegwarte leider schon auf der Roten Liste, in weiteren Bundesländern auf der sogenannten Vorwarnliste.

Kulturgeschichtlich lässt sich einiges Erstaunliches über diese traditionelle Bienenpflanze erzählen. Ludwig Uhland lobt ihre Schönheit: “ Die Wegwarte erfreut durch ihren schönen Anblick. das edle Kraut Wegwarten macht guten Augenschein.“

Seit der Antike ranken sich eine Vielzahl an Sagen, Märchen und Mythen um diese Blume, die auch als „sponsa solis“, die Sonnenbraut, oder Sonnenwendel bezeichnet wird.  Ovid erzählt in seinen Metamorphosen die Geschichte der gekränkten Klythia, die aus Eifersucht die heimliche Liebe des Sonnengottes zu einer Sterblichen verrät, indem sie beide öffentlich bloßstellt. Daraufhin verlässt Phoebus Klythia. In eine blaue Blume verwandelt steht sie seitdem täglich am Wegrand steht und wartet darauf, dass der Sonnengott ihr wieder Beachtung schenkt. Und noch im späten 19. Jahrhundert ist das Motiv der um die Aufmerksamkeit des verflossenen Liebhabers bemühten Frau lebendig, wie das anfangs zitierte Gedicht  über die Wegwarte belegt.

Ist sie am Ende sogar die rätselhafte „Blaue Blume“ des Dichters Novalis, die zum Sehnsuchtssymbol der deutschen Romantik erhoben wurde? Dafür spricht unter anderem das Verwandlungsmotiv, mit dem auch der Dichter in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ spielt. Schließlich heißt die Pflanze in manchen Gegenden sogar „Wandel“.

In der germanischen Mythologie verbindet sich ebenfalls eine ähnliche  Vorstellung mit die Pflanze. Hier steht sie für die Fruchtbarkeitsgöttin Freya, die in Gestalt der Wegwarte auf die Rückkehr Odins wartet. 

Auch die deutschen Volksmärchen greifen das alte Motiv auf und verändern es. In einer alten bairischen Version wünscht sich ein Fräulein, dessen Liebhaber untreu wurde, dass sie in eine Wegwarte verwandelt werde. So kann sie an allen seinen Wegen stehen und so bei ihrem Geliebten sein, wohin er auch geht. Auch im Märchen “Der Liebste Roland” der Gebrüder Grimm verwandelt sich eine vergessene Geliebte in eine Wegwarte um so ihre alte Liebe wieder zu gewinnen. 

In solchen überlieferten Erklärungsmythen erkennt man einige richtig beobachtete botanische Besonderheiten der Sommerblume.

Tatsächlich blüht die himmelblaue Pflanze immer am Vormittag. Ihre Blüten sind immer der Sonne zuwendet. Wenn die Sonne ihren Tageszenit überschritten hat, schließt die Wegwarte ihre auffälligen Blütenstände. Die Einzelblüten öffnen sich nur für einen Tag. Am Nachmittag sind die Blüten geschlossen und die Pflanze hebt sich kaum noch gegen ihre Umgebung ab.

Der bevorzugten Standorte der Wegwarte sind dann auch Wegränder oder sogenannte Trittpflanzengesellschaften, die von Menschen besonders beansprucht werden. Hier blüht sie vom Juli an bis in den September hinein. 

Seit alters her ist die Wegwarte eine geschätzte Heilpflanze gegen alle möglichen Leiden. Ihre medizinische Wirkung ist unter anderem wegen eines hohen Inulingehaltes begründet. Inulin dient in der Therapie der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) als Stärkeersatz, da es den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst. 

Und sie ist eine alte Zauberpflanze: So heißt es noch in einem botanischen Lehrbuch aus dem frühen 18. Jahrhundert “Hohe Kräfte wohnen der Wegwarte und ihrer Wurzel inne. In der richtigen Weise ausgegraben, schützt sie, wenn man sie bei sich führt, gegen Böses, besonders gegen Hexen und ist ein Mittel zu allerlei Zauberkünsten, sie erweckt Liebe, macht unsichtbar, zerbricht Fesseln und öffnet alle Thüren und Schlösser. ”

Wann man nach der Wurzel graben sollte um ihre magischen Kräfte zu nutzen, konnte ich bei meinen Recherchen zur Wegwarte klären: „am Johannstag um 12 Uhr gegraben hat sie wunderbare Wirkungen“. Bei genauem Hinsehen ist das ja auch logisch. Der Johann(i)stag ist der 23 Juni. Er steht in enger Verbindung zur Sommersonnenwende, die zwischen dem 20. und dem 22. Juni stattfindet. 

Jetzt bleibt nur noch die Frage offen, was denn die „richtige Weise“ ist. Solange ich das nicht weiß, werde ich nicht zum Spaten greifen, um die Wunderblume nicht unnötig in ihrem Bestand zu gefährden. 

 

 

 

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