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… und dann kommt der Mulchmäher

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28. Mai 2019 von Marzellus

mulchmaeherWegränder sind Hotspots der Artenvielfalt. Das beobachte ich seit nunmehr 2 Jahren sehr anschaulich auf meinem Weg zur Arbeit. Ich gehe jeden Schulmorgen die 4 Kilometer zu Fuß zu meinem Gymnasium in Adenau, bei schönem Wetter und bei schlechten, ob es noch dunkel ist oder wie jetzt Ende Mai, bei vollem Licht.

Für mich ist das gelebter Klimaschutz und Achtsamkeitsübung zugleich. Mein Weg ist ein Rad- und Wanderweg durch die Aue des Adenauer Baches. Er führt mich vorbei an  einer Heuwiese, die irgendwann im späten Juni gemäht wird. Auf solchen extensiv genutzten Wiesen sind 50 Pflanzenarten pro 25 m2 Wiese nicht ungewöhnlich. Aber der unbewirtschaftete Wegrand bietet jetzt eine noch deutlich höhere Artenvielfalt.

Jetzt, Ende Mai freue mich über die Blütenpracht am Wegrand. Hier braucht man keine Blühstreifen und Insektenpflanzen einzusäen. Hier, wo man die Vegetation in Ruhe gelassen hat, entdecke ich jeden Tag neu, was Pflanzenvielfalt eigentlich bedeutet.

Ich fotografiere Pflanzen, die ich noch nicht kenne. Zu Hause bestimme ich sie dann und versuche, mehr Informationen über ihre ökologische Bedeutung zu erfahren. Das interessiert mich als Imker in Bezug auf meine Honigbienen, aber auch als Naturfreund.

Auf meinen kleinen Wanderungen beobachte ich den Lebenszyklus der Pflanzen. Ich sehe, wie sie keimen und wachsen, wie sie ihre Blüten öffnen, die Befruchtung durch eine Vielzahl von Insekten. Ich erkenne, wie sie beginnen Früchte und Samen zu bilden, ….

… und dann kommt der Mulchmäher und unterbricht jäh ihren Lebenszyklus.

Der naturblinde Eingriff verhindert das Heranreifen und die Ausbreitung der Samen. Eine am Zierrasen orientierte „pflegerische Maßnahme“ – vielleicht ist es auch der Arbeitsplan des kommunalen Bauhofs –  greift in den natürlichen Lebenzyklus der Pflanzen ein, mit katastrophalen Folgen für alle Lebewesen, die mit diesen Pflanzen in Symbiose leben.

Aus zwei Jahren Beobachtung könnte ich  Dutzende Beispiele nennen, wie unsere absurden Eingriffe in die Lebenskreisläufe von Wildpflanzen das Artensterben auf lokaler Ebene beschleunigen. Ich beschränke mich hier auf drei Pflanzen.

Vor einigen Tagen hatten die ersten Wiesenmargeriten ihre Blütenkörbchen entfaltet und damit begonnen, Blütenbesucher wie Wildbienen, Wespen, Fliegen, Käfer und Tagfalter zu nähren.

Der Rainfarn erhob sich gerade mit seinen gefiederten Blättern über die niedrig wachsenden Frühjahrsblüher. Bald hätte er begonnen, seine goldgelben Blütenknöpfe zu bilden. Seine nur 1 mm langen Kronröhre machen seinen Nektar allen Bestäubungsinsekten leicht zugänglich. Vor allem ist er ein ausgezeichneter Pollenspender, der wichtig ist für die Aufzucht der Insektenbrut.

Gestern wuchsen hier noch seltene Prachtnelken, deren tiefe lange Röhrenblüten von Schmetterlingen und tagaktiven Schwärmern beflogen werden.

Das Mähen hat nicht nur Auswirkungen auf den Insektenbestand.  Hier liegt auch eine Ursache für das Verschwinden von Vögeln. Sie sind darauf angewiesen, dass Pflanzen Samen bilden. Für sie gehören Insekten, die die Blüten aufsuchen zur Nahrungsgrundlage, gerade jetzt, wo die Jungvögel heranwachsen. Wir gefährden mit diesem unüberlegten Einfgriff auch das Vorkommen von Kleinsäugern und Lurchen, die ebenfalls in direkter oder indirekter symbiotischer Beziehung von Pflanzen leben. Das unzeitig Mähen von Wegrändern löst ganze Kaskaden an negativen Effekten für unsere Mitwelt aus. Wann beginnen wir endlich damit die Zusammenhänge in der Natur zu begreifen und unser Handeln danach auszurichten?

Wie Arten lokal verschwinden kann ich schon in den zwei Jahren Naturbeobachtung feststellen. Ein Teil meines Weges führt durch ein Waldstück. Dort konnte man vor zwei Jahren die Knoblauchrauke in großen Beständen finden. Das älteste bekannte Küchnenkraut ist ein zweijährige Pflanze. Sie wurde abgemäht, bevor sie ihre Samenschoten bilden konnte. In diesem Jahr ist sie an diesem Standort kaum noch zu finden, weil sie nicht aussamen konnte.

Artensterben ist nicht nur eine Frage, die auf den politischen Bühnen EU und Bundestag angegangen werden müssen. Das Artensterben findet vor unserer Haustür statt, und vor unserer Haustür müssen wir es stoppen.

Wie kann das gelingen?

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