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Überraschung

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14. Januar 2019 von Marzellus

Sich unsichtbar machen und bewegungslos abwarten, was passiert, ist nicht immer die beste Überlebensstrategie. Vor allem nicht für ein kleines Insekt auf einem viel begangenen Schotterweg. Ich bin schließlich kein indischer Jain – Mönch, der mit seinem Besen sanft die Insekten von der Strasse fegt, damit er keins zertritt.

Dieser Insektentod konnte vermieden werden, weil ich beim Gehen scharfäugig und zufällig unter mich geschaut habe. Wie immer bei meinen Alltagsentdeckungen habe ich also mein Smartphone gezückt und ein Foto gemacht. Schließlich wollte ich wissen, was für ein Tier überleben konnte, weil ich aufgepasst habe.

Dieses Insekt, das aussieht wie ein Grashüpfer im Tarnanzug, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wie klein doch mein Naturwissen ist, obwohl ich mich für das, was kreucht, fleucht, was blüht und fruchtet, wirklich interessiere.

Das Tierchen heißt Ödlandschrecke. Getreu seinem Namen bewohnt es Kahlflächen mit spärlicher Vegetation, Sandgruben oder Kiesflächen. Wie im vorliegenden Fall kann sein Zuhause auch ein Schotterweg sein. Die Tarnung der Schrecke ist so perfekt, dass die Männchen wohl gelegentlich bei dem Versuch beobachtet wurden, sich mit verdorrten Holzstückchen zu paaren. Im Gegensatz zu seiner eher sprunghaften Wiesenverwandschaft zeigte der Alien aus dem Insektenreich keinerlei Fluchtreflex, sondern verharrte absolut regungslos und ließ sich problemlos fotografieren.

Wirklich selten ist das Insekt nicht. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Mittelmeerraum über fast ganz Mitteleuropa bis nach Norddeutschland. Es ist einmal mehr erstaunlich, dass selbst eine ärmliche Abraumhalde oder ein trister Kiesweg in einer Kölner Schrebergartenanlage im Oktober ein attraktiver Lebensraum für solche spezialiserten Arten sein kann.

10.000 Arten umfasst allein die Tierfamilie der Schrecken, die sich in . Über 100 leben hier in Deutschland.Wieviele kenne ich? Das Heupferd, die Grille, den gemeinen Grashüpfer, die Maulwurfsgrille und jetzt noch die Ödlandschrecke. Und ich glaube, da kenne ich schon mehr als die meisten meiner Mitmenschen.

Was für meine individuellen Wissenslücken gilt, gilt genauso für unser kollektives Wissen. Wir können als Menschheit noch nicht einmal genau sagen, wieviele Arten tatsächlich auf diesem Planeten wohnen. Unter unseren Mitkreaturen haben wir bis heute lediglich die Wirbeltiere einigermaßen gut inventarisiert. Schon bei dieser Klasse gibt es weltweit 70.300 Arten. Nur selten noch werden neue Wirbeltiere entdeckt. Bei der Gattung Säugetiere haben unsere Forscher etwa 5500 lebende Arten erfasst, benannt, zum Teil sogar erforscht. Aber das sind gerade mal 8%. Es gibt schon doppelt so viele Vogelarten. Bei den fast 50.000 Fischarten wird es da schon unübersichtlicher.

Von TomCatX – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14658744

Betrachtet man das tierische und pflanzliche Leben im Gesamten, haben wir nur eine vage Vorstellung von dem, was man unter “Biodiversität” versteht. Korrekte Zahlen, die die Vielfalt des Lebens erfassen, gibt es nicht. Die Wissenschaft bietet hierzu nur Schätzungen an, und die liegen dann wenig präzise irgendwo zwischen 5 und 300 Millionen Arten.

Leider verlieren wir aktuell im Bereich des unerforschten Lebens solche unentdeckten Arten schneller als wie wir sie überhaupt erfassen können. Aber es geht ja nicht allein um die Anzahl unterschiedlicher Lebensformen, sondern auch um den Verlust der gesamten Biomasse auf unserem Planeten. Da gibt es dann präzisere Daten. Insgesamt hat die Biomasse von wildlebenden Säugetieren (Land und Meer) seit Beginn der menschlichen Zivilisation auf ein Sechstel der ursprünglichen Menge abgenommen.

Die Ursachen hierfür liegen bei uns selbst. Auch wenn Menschen wie Donald Trump in den USA, Jair Bolsonaro in Brasilien, aber auch unsere heimischen Arten von Wachstumsaposteln, Globalisierungsantreibern, Klimawandelbeschwichtigern und -leugnern in der Politik, den Konzernzentralen, Agrarlobbyisten u.s.w. das Thema „Biodiversitätsverlust“ immer noch herunterspielen wollen.

Mit dem Akronym HIPPO für: H steht für Habitats- / Lebensraumverlust, I für Invasive Arten, P für Pollution = Umweltverschmutzung, das zweite P für Population Growth = Bevölkerungsexplosion und O für Overfishing / Overhunting ist zu denUrsachen alles gesagt.

Doch noch mal zurück zu meiner Ödlandschrecke. Ich wollte sie tatsächlich retten und irgendwohin setzen, wo keiner auf sie treten würde. Man weiß schließlich nicht, wozu man solche Tierchen noch mal brauchen kann. Denn genauso wenig wie ich weiß, was auf Dauer im Ökosystem Meer passiert, wenn Menschen jährlich weiter 100 Millionen Haie abschlachten, weil asiatische Geschäftsleute glauben wollen, der Verzehr einer Haiflischflossensuppe verhelfe ihnen zu mehr Energie und zu weniger Erektionsstörungen, genau so wenig weiß ich, was passiert, wenn es keine Ödlandschrecken mehr gibt, weil wir sie zertreten, vergiften, vertreiben… .

Im Nachhinein betrachtet hatte ich damit instinktiv den richtig Gedanken. Tierchen wie dieses könnten uns tatsächlich noch nützlich werden, und sie sind es ja bereits. Immerhin frisst die Ödlandschrecke Pflanzenreste und verendete Insekten und hält so die von ihm bewohnten Kahlflächen biologisch intakt. Angesichts des galoppierenden Artensterbens gehört solchen Aasfressern und Abfallverwertern die Zukunft.

„Stets findet Überraschung statt. Da, wo man’s nicht erwartet hat“ meinte Wilhelm Busch einmal. Kaum hatte meine Hand sich dem Insekt auf 5 cm genähert, lieferte das Verhalten des Insekts weitere Verblüffung.

Die Ödlandschrecke hatte noch ein As unter ihren Deckflügeln. Es öffnete diese plötzlich, zeigte mir völlig unerwartet zwei blitzblaue Flügel, schnellte hoch, flog davon, schlug noch einen überraschenden Haken um dann erneut irgendwo auf dem Kiesweg unauffindbar wieder in Deckung zu gehen.

Am Ende weiß ich so auch, warum die Schrecke “Schrecke” heißt. Auch ein Beute suchender Vogel hätte so eine Blitzreaktion nicht erwartet und wäre, so wie ich verdattert, mit offenem Mund aber leeren Händen / bzw. Schnabel dagestanden.

Und ich entdeckte die Sinnbildhaftigkeit im Verhaltensrepertoire des Tierchens, die zu einer simplen Frage führt: Welche dritte Überlebensstrategie haben wir denn, wenn wir endlich erkennen, dass Wegducken und Stillhalten uns bei unseren hausgemachten Umweltproblemen nicht weiterhelfen? Flucht kann ja wohl keine angemessene Antwort sein.

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