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Zauberpflanzen

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3. Januar 2019 von Marzellus

Zum Neuen Jahr wünsche ich meinen Lesern, Freunden und Social-Media Followern alles erdenklich Gute. Um meinen Wünschen besonderen Nachdruck zu geben, habe ich mich am Neujahrstag gleich unter eine ganze Kolonie von Misteln gestellt, die ich bei meinem winterlichen Spaziergang zum Aussichtsturm auf dem Neuenahrer Berg entdeckt habe. Damit folge ich einem alten französischen Brauch, der uns verspricht, dass Neujahrswünsche unter der „gui de druides“, der Druidenmistel, auch heute noch ihre Zauberwirkung entfalten.

Eine Einschränkung gilt hier für die nach der Zauberpflanze benannte Misteldrossel, die zumindest früher eher negative Erfahrungen mit dem Kraut gemacht hat. Aber dazu gleich mehr.

Besonders im Winter fallen bei Gängen durch die Natur Ansammlungen von kugelförmigen Misteln in den jetzt laubkahlen Baumkronen auf. Misteln sind sogenannte „Aufsitzerpflanzen“ (Epiphyten), die von ihren Wirtspflanzen Wasser und Nährstoffe schmarotzen, während sie mit ihrem grünen Laub und ihrer Rinde die für ihr Wachstum notwendige Photosynthese betreiben. Ihr Wachstum ist sehr langsam.

Neun Monate braucht die Mistel von ihrer Blüte zur reifen Frucht. Ihr Vegetationszyklus beginnt schon Ende Januar mit der Blüte und die reifen Beeren haben sich immerhin noch pünktlich bis zur Adventszeit entwickelt. In der Natur dienen diese Früchte dann vor allem den daheim gebliebenen Misteldrosseln zur Winternahrung, die sie auf eine ungewöhnliche Art verbreiten. Das lässt sich zumindest schon aus der Namensgebung der alten Heil- und Zauberpflanze ableiten.

Der deutsche Name „Mistel“ stammt wohl vom althochdeutschen Wort „Mihste“ ab, woraus sich unser heutiges Wort „Mist“ mit der Kreuzworträtselfragenbedeutung „tierischer Dünger“ entwickelt hat. Diese eher uncharmante Benennung hängt damit zusammen, dass die Beerenkerne der Mistel zuerst durch den Verauungstrakt der Misteldrossel wandern müssen, bevor sie sich an die Äste von Laubholzkronen anheften können. Der unverdauliche Samenkern ist nämlich von einer klebrigen Substanz eingehüllt, die dafür sorgt, dass sich beim Absetzen des Vogelkots der Samen an den Ästen von Bäumen festklebt, um danach langsam zu keimen. Es braucht lange, bis die Senkerwurzeln des Mistelsamens die Leitungsbahnen des Wirtes erreicht haben. Erst danach entwickelt sich die Mistel langsam weiter. Es dauert Jahre, bis die Mistel dann so reich verzweigt ist, dass sie ihre kugeligen Büsche von bis zu einem Meter Durchmesser ausbildet.

Julius Sachs (1832-1897) – Julius Sachs: Vorlesungen über Pflanzenphysiologie, zweite Auflage, Leipzig 1887 – Die Zeichnung zeigt, wie das Haustorium der Mistel in die Leitbahnen des Wirtsbaumes hineinwächst. Haustorium von Viscum album. a = unterer Teil des Stammes der Mistel; h = Holz der Mistel, i = Hauptwurzel der Mistel; f = Wurzeln der Mistel, die in der Rinde (c) des Baumastes wachsen; g = Knospen der Mistel; e = Senker; bei d Halbquerschnitt durch das Holz (b) des Wirtes;

Ironischerweise haben sich schon in der Antike Vogelfänger die Klebraft des Mistelsamens zunutze gemacht, damit ihnen die Misteldrosseln „auf den Leim gehen können“. Die amselgroßen Vögel galten bis ins 20. Jahrhundert hinein als beliebte Geflügeldelikatesse. Mit einem Gemisch aus dem Mistelklebstoff, zähflüssigem Honig und eingedicktem Birnen- oder Pflaumenmus bestrichen die Menschen ihre Leimruten, auf die sich die Vögel setzten.

Der in dieser Weise bejagten Drosselart trug ihre Beteiligung an der Ausbreitung der Misteln schon bei den Römern die spöttische Redensart ein: „Turdus ipse sibi cacat malum“ Zu Deutsch: „Die Drossel kackt sich selbst ihr Verderben“. Der botanische Name der Mistelgewächse „Viscum“ trägt wegen der beachtlichen Klebrigkeit der Samenhülle auch die Nebenbedeutung „Köder“ oder eben aus Mistelbeeren bereiteter „Vogelleim“. Der Begriff Viskosität als Maß für Zähflüssigkeit geht ebenfalls auf das spätlateinische „viscosus = klebrig“ zurück und damit auf viscum, den klebrigen Schleim der Mistelbeeren (Mistelleim).

Die vor allem Laubgehölze besiedelnden Halbschmarotzer sind aber nicht nur botanisch sondern auch kulturgeschichtlich interessant. Deshalb möchte ich hier gerne meinen Lesern mitteilen, was ich über diese außergewöhnlich Pflanze herausfinden konnte.

Für die Menschen der vergangenen Jahrhunderte waren Misteln weder Baum noch Strauch, denn sie wachsen im Gegensatz zu allen anderen Pflanzen nicht auf der Erde und haben auch keine erkennbaren Wurzeln. Wen wundert es da, dass sie allein deshalb schon eine Sonderstellung im Pflanzenreich einnehmen, und dass man ihnen auch jenseits kräuterkundlicher Wirksubstanzen sogar Zauberkräfte zuschrieb.

Zahlreich sind die Mythen, die sich in den europäischen Kulturen um die Misteln ranken. Vor allem in der keltisch germanischen Kultur hatte der Mistelstrauch eine zentrale religiöse und magische Bedeutung. Besonders diejenigen Exemplare der Weißbeerigen Mistel, die auf Eichen wachsen, gelten seit der Antike als besonders wunder- und heilkräftig.

Der römische Gelehrte und Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet in seiner „Naturalis Historia“, dass in der Vorstellung der Kelten alles, was auf Eichen wächst, vom Himmel gesandt worden sei. Misteln, die auf Eichen wachsen, heiligen deshalb den betreffenden Baum und man begegnete ihm mit großer religiöser Ehrfurcht. Auch wenn die Altphilologen heute davon ausgehen, dass der Römer sein Wissen über das keltischen Leben aus zweiter Hand hat, geben seine Schilderungen der Mistelernte uns doch einen Eindruck von der Lebens- und Vorstellungswelt der Kelten.

Die Mistelernte durch die Druiden war ein religiöser Akt, der am keltischen Neujahrstag feierlich begangen wurde. Plinius schreibt: „Die Mistel ist aber nur sehr selten; hat man sie gefunden, so zieht man mit grosser Feierlichkeit dorthin, und vor allem am 6. Tage nach dem Neumonde. Also zu einem Zeitpunkt, an dem bei ihnen die Monate und Jahre beginnen, sowie nach Ablauf von 30 Jahren eine Generation. Zu diesem Zeitpunkt hat der Mond schon reichlich Kraft gesammelt, seine Höhe aber noch nicht überschritten.“

Gemeint ist hier der keltische Neujahrstag, der in diesem Jahr auf den 6. Januar fällt. Plinius weist in seiner Schilderung auch auf die besonderen Heilkräfte der Mistel hin: „Sie bezeichnen die Mistel mit einem Wort ihrer Sprache als ‚Allheiler‘.“ Und er beschreibt die Zeremonie, mit der die Druiden am Neujahrstag die Pflanze der Götter ernteten: „Sie nennen diesen Tag mit einem eigenen Worte den Allheilenden, bereiten Opfer und Mahlzeiten unter dem Baume und führen zwei weisse Stiere herbei, deren Hörner dann zum ersten Male umbunden werden. Der Priester im weissen Kleide besteigt hierauf den Baum und schneidet mit einer goldenen Sichel die Mistel ab, die in einem weissen Tuche aufgefangen wird. Sodann opfern sie Thiere und bitten die Gottheit, sie wolle ihr Geschenk denen, welchen sie es gegeben hat, segnen. Sie glauben, ein von diesem Gewächs bereiteter Trunk mache ein jedes unfruchtbare Tier fruchtbar; auch sei es ein Hilfsmittel wider alle Gifte. Soviel Verehrung bezeugen oft ganze Völker den gewöhnlichsten Dingen.“

Nach Plinius war es also nur den keltischen Druiden vorbehalten, solche ungewöhnlichen Pflanzen zu ernten. Wenn der Dichter von einer „goldenen Sichel“ berichtet, mit der die Sträucher geerntet wurden, dann übertreibt er wohl. Wahrscheinlicher ist, dass man sich unter der „falx aurea“ 8goldene Sichel) eine Art kultische Hippe, möglicherweise aus Bronze, vorstellen sollte. Mit einem Werkzeug aus Gold hätte man die Misteln nicht von den Eichen abtrennen können. Und dass man die heruntergeworfenen Pflanzen in weißen Tüchern auffing, hängt wohl mit der Vorstellung zusammen, dass Misteln ihre magischen Kräfte nur dann behielten , wenn sie bei ihrer Ernte keinen Kontakt mit dem Boden hatten.

In den Augen der Kelten und Germanen hatten die Misteln magische und friedensstiftende Eigenschaften. Es heißt , dass zwei verfeindete Krieger, die sich begegneten und feststellten, dass sie unter einem Baum standen, der eine Mistel trug, sich für einen Tag nicht weiter bekämpfen durften und Frieden halten mussten. Über die Eingänge der Hütten gehängt, wehrten Mistelzweige böse Geister ab. Kinder trugen Amulette aus Mistelholz oder Mistelblättern zur Abwehr von Krankheiten und Gefahren aller Art. Mit Misteln schütze man sich vor dem „bösen Blick“. Misteln verliehen Kraft, Mut und Unbesiegbarkeit, heilten Krankheiten, machten Mensch und Vieh fruchtbar, dienten als Liebeszauber, im ehelichen Schlafzimmer aufgehängt, sorgten Misteln für Kindersegen, sie waren Potenzmittel und Aphrodisiacum, und nicht nur bei Miraculix unverzichtbare Zutat in allen Arten von Zaubertränken.

Der Glaube an die der Druidenmistel innewohnende Kraft wurde auch im christlichen Volksglauben fortgeführt. Man stellte Rosenkränze aus dem Holz der Mistel her, in die Buchsbaumbüschel des Palmsonntags mischte man Mistelzweige, um sich vor dem Bösen zu schützen. Die legendäre wunderversprechende Bedeutung der Mistel gipfelte in der Legende, dass das Christuskreuzes aus dem Holz der Mistel gezimmert worden sei. Ähnliche Überlieferungen kennt man aus dem antiken Griechenland. Das Boot der Argonauten soll auch aus dem wundertätigen Material gebaut worden sein.

Vor der Einführung des urdeutschen Tannenbaums in England, war der Mistelzweig das traditionelle Weihnachtsgrün der Nachfahren der keltischen Gallier, also der Briten und auch der Franzosen.

The Farmerś Daughter Hanging the Mistletoe (Christmas 1860) Dante Gabriel Rossetti

Aber auch für Profaneres musste die Mistel herhalten. Noch heute gehen, wie bereits gesagt, in Frankreich Neujahrswünsche mit höherer Wahrscheinlichkeit in Erfüllung, wenn sie unter einem Mistelzweig ausgesprochen werden. Aus einer eher rauen Sitte walisischer Junggesellen, die ungeniert ihre Angebeteten unter dem Mistelzweig küssten, entstand in der ansonsten prüden viktorianischen bürgerlichen Gesellschaft ein verfeinertes Kussritual zur Weihnachtszeit. Ein öffentlicher Kuss war unverheirateten Liebespaaren der guten Gesellschaft nur unter dem weihnachtlichen Mistelstrauch erlaubt. Doch anschließend musste man auch immer eine der weißen Beeren essen. Die Kussfreiheit galt nämlich nur solange wie noch Beeren am Strauch hingen, was dann auch erklärt, dass der immergrüne Weihnachtsschmuck am meisten Glück brachte, wenn er möglichst viele Beeren hatte.

Noch länger als die Wunderzuschreibungen der Mistel ist die Liste der medizinischen Anwendungen. Der Pflanze wurde in der Volksmedizin eine universale Heilkraft zugeschrieben. „Sie wird als Kaltauszug oder Frischpflanzentinktur in der Behandlung von Hypertonie, Blutandrang im Kopf, Schwindel, Kopfschmerzen im Alter, Konzentrationsstörungen, Ohrensausen, Menstruationsblutungen, Wechseljahrsbeschwerden und als Unterstützungsmittel bei Epilepsie verwendet“, schreibt der Bundesverband der deutschen Heilpraktiker in einem Merkblatt. Doch angesichts der dort auch berichteten Begleiterscheinungen bei einer übermäßigen Einnahme der Kräuterteile darf man bezüglich des wirklichen Nutzens skeptisch sein.

Aber am Neujahrsbeginn will ich dann auch darauf verzichten die Mistel zu entzaubern. Es könnte ja dann allzu leicht passieren, dass ich die Wirkung meiner Neujahrswünsche für meine Freunde und Leser damit in Gefahr bringe.

Noch ein kleines Postsciptum: Oft werden die Druidenmisteln aus der Familie „Viscus Alba“ mit der „Eichenmistel“, botanisch „Loranthus europaeus“ aus der Familie der Riemenblumengwächse verwechselt, wie schon der irreführende Name zeigt. Diese sind in ihrem Aussehen, ihrem parasitären Verhalten und in der Klebrigkeit ihrer Samenhüllen der Mistel sehr ähnlich. Auch aus ihren Früchten wurde Vogelleim hersgestellt. Auch sie gehört zu den wenigen parasitisch lebenden Gefäßpflanzenarten Europas.

DieEichenmistel wächst ausschließlich auf Eichen und und gilt unter Forstleuten als gefährlicher und schwer zu bekäpfender Baumparasit. Tatsächlich wachsen die echten Laubbaummisteln nur selten auf Eichen, während sie andere Laubhölzer wesentlich häufiger besiedeln. Rot-Buchen und Platanen gelten dagegen als mistelfest.

Gifte und Wirkstoffe: Die Beeren sind schwach giftig! Das Kraut wird volksheilkundlich bei Atemwegserkrankungen, Darmbeschwerden und nervösen Erkrankungen angewandt. Das frische Kraut wird in manchen komplementärmedizinischen Krebstherapien gegen Tumore und Geschwulste eingesetzt. Die Studienlage zu dem Erfolg solcher Therapien ist allerdings sehr dünn.


Ein Kommentar zu “Zauberpflanzen

  1. Wow, gut recherchiert und toll geschrieben. Danke und die besten Wünsche fürs neue Jahr, auch an dieser Stelle!

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