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Alte Irrtümer schaden jungen Erkenntnissen

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11. Februar 2018 von marzellus1

goetheViele meiner Imkerkollegen haben auf ihren Internetseiten eine Sammlung von Spruchweisheiten und Gedichten bereitgestellt. Zu den Top Ten der Bienengedichte auf diesen Seiten gehört ganz sicher der schlichte Goethe-Vierzeiler mit dem Titel ¨Gleich und gleich¨

(Johann Wolfgang von Goethe, 1814)

Ein Blumenglöcklein vom Boden hervor
war fröhlich gesprossen im lieblichen Flor.
Da kam ein Bienlein und naschte fein –
die müssen wohl beide füreinander sein.

Als Imker und Germanist bin ich von diesem Vierzeiler einigermaßen überrascht. Goethes „Bienengedicht“ deutet nur auf den ersten Blick den Befruchtungsakt einer Pflanze und eines Insektes an. Doch die Bestäubung der Blütenpflanzen durch Bienen hat Goethe nachweislich noch nicht verstanden. Die Interpretation, die liebliche Glockenblume sei auf einer höheren Verstehensebene eine junge Frau, die von einem ebenfalls jungen Liebhaber umschwärmt wird, würde Sinn machen, wäre der schlichte Vierzeiler in des Dichters Sturm und Drang Zeit entstanden. Aber 1814 war Goethe 65 Jahre alt und weniger mit Primanerlyrik beschäftigt. Seine Interessen galten ernsthaften naturkundlichen Studien, der künstlerischen Darstellung von einem nach Vervollkommnung strebenden Menschen und dem Verfassen seiner Memoiren.

In dem Gedicht die für unsere Zeit triviale naturkundliche Erkenntnis bestätigt zu sehen, dass Bienen Blüten bestäuben, während sie Nektar suchen, ist sicherlich falsch. Hat doch der Dichterfürst vehement den zu seiner Zeit revolutionären Einsichten in die Befruchtung der Pflanzen durch Bestäuber aus dem Insektenreich vehement widersprochen.

Konrad Sprengel, ein bescheidener Lehrer und fleißiger Hobbyforscher und Zeitgenosse des prominenten Poeten hatte behauptet, dass die Schönheit und der Wohlgeruch der Blüten nicht dem Zweck dienen, uns Menschen zu ergötzen, sondern dass so Insekten angelockt werden, damit diese sie befruchten. Mit seinem bahnbrechenden Werk „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ (Berlin 1793) gilt Sprengel heute als der Begründer der modernen Blütenökologie.

Dem Ästheten Goethe ging eine solch nüchterne und zweckgerichtete Erklärung der Funktion einer Blüte gegen den Strich. In seiner Schrift „Die Metamorphose der Pfflanzen“ wettert er dann auch gegen die neue „Verstäubungslehre“. In der Degradierung der Blüten zu pflanzlichen Sexualorganen sah er das sittliche Gefühl unschuldiger Seelen beleidigt. Die Vorstellung, eine Blumenwiese sei der Schauplatz einer wahren Befruchtungsorgie, war ihm aus Gründen der öffentlichen Sittlichkeit nicht geheuer. In seinem ebenfalls mit ¨Metamorphosen der Pflanzen¨ betitelten Gedicht werden ¨die Kräfte des Samens durch „mächtige Hände“ der Natur gelenkt …, um sich zu entfalten¨. Von Bienen und anderen Bestäubungsinsekten ist da keine Rede.

Goethes Blick auf die Natur war noch bestimmt von der Vorstellung, die Natur sei um der Krone der Schöpfung, also um unseretwillen erschaffen. Diese anthropozentrische Sicht auf die Pflanzen zeigt sich beispielhaft in einem Brief an seine Jugendliebe Charlotte von Stein. Blüten seien, so schreibt der Dichterfürst , „… die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.“ (Goethe, Briefe. An Charlotte von Stein, 24. März 1779)

Alles, was der prominente Privatgelehrte Goethe gelten ließ, war das offensichtliche Interesse der Insekten am Nektar der Blüten. Die Zusammenhänge zwischen Insektenbesuchen und pflanzlicher Reproduktion blieben ihm verschlossen. 1827, mit 78 Jahren dichtet er noch einmal in seinem Gedicht „Frühzeitiger Frühling“: „unter des grünen | blühender kraft | naschen die bienen | summend am saft“.

Als seine Enkel ihm zugedachte Pralinen wegnaschten, schrieb er in sein Tagebuch: „Doch wie die Blume nicht verdrießlich seyn darf, daß dem Schmetterling und der Biene bey dem Hof, den sie ihr machen, eigentlich nur um die Süßigkeit Ernst ist, die sie verheimlicht, so darf ich ja wohl auch der freundlichsten Gesichter genießen, welche diesen schön geformten und wohlschmeckenden Freundesgaben zunächst gemeynt sind“.

Kraft seiner Autorität verstellte der Dichterfürst über Jahrzehnte hinweg mit seinen Vorstellung einer naturinhärenten Sittlichkeit die Anerkennung der Forschungsergebnisse des gesellschaftlich unbedeutenden Konrad Sprengel. Goethes Vorbehalte gegen die neuen, wissenschaftlich ermittelten Erkenntnisse über die Reproduktion der Pflanzen standen auch ganz in der christlichen Tradition. Hier galten Blumen schon immer als engelgleiche, geschlechtslose Wesen, die sich völlig asexuell selbst reproduzieren.

Erst ein halbes Jahrhundert später rehabilitierte kein Geringerer als der große Charles Darwin den bescheidenen Berliner Botaniker. Die Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen erlebte er nicht mehr.

Sprengel musste mit seinen Einblicken in die Geheimnisse der Natur die gleiche bittere Erfahrung machen wie Goethes Romanheld Wilhelm Meister, nämlich dass einer neuen Wahrheit nichts schädlicher sei als ein alter Irrtum. Und Goethes Pflanzenlehre ist heute bestenfalls noch von wissenschaftshistorischem Interesse.

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